5 Auswirkungen elektronischer Märkte

Die Einführung neuer Technologien bringt immer auch die Frage nach deren Auswirkungen mit sich. Ist die Technologie wie im Fall der elektronischen Märkte im "Business-to-Business"-Bereich noch relativ neu, so sind Spekulationen und Hoffnungen Teil der erwarteten Auswirkungen. So finden sich heute auf der emotionalen Ebene praktisch alle Aussagen im breiten Spektrum zwischen "Revolution des wirtschaftlichen Lebens" und dem resignierenden "alles nur ein Gold-Rausch" [Himm96, S. 18; Bloc96, S. 29].

Im folgenden werden auf theoretischer Basis die Auswirkungen elektronischer Märkte auf der Unternehmens- (Kapitel 5.1) und auf der gesamtwirtschaftlicher Ebene (Kapitel 5.2) untersucht.

 

 

5.1 Auswirkungen auf der Unternehmensebene

Im Kapitel 5.1 werden Auswirkungen untersucht, die die Ebene der Unternehmen betreffen. In einem ersten Teil geht es um Fragen des Wegfalls bzw. der notwendigen Neugestaltung von intermediären Strukturen (Kapitel 5.1.1). Im zweiten Teil (Kapitel 5.1.2) werden verschiedene organisatorische Auswirkungen, einerseits bezüglich notwendiger Anpassungen im Unternehmen, andererseits auch bezüglich der Entstehung neuer Organisationsformen dank elektronischen Märkten analysiert. Im Kapitel 5.1.3 schliesslich werden strategische Auswirkungen des Einsatzes elektronischer Märkte angesprochen.

 

 

5.1.1 Disintermediation und Re-Intermediation

Um Güter von einem Verkäufer zu einem Käufer zu "transferieren", werden üblicherweise sogenannte "Intermediäre" eingesetzt. Beispiele von Intermediären in konventionellen Märkten sind Zwischenhändler, Detaillisten, Agenten, Broker, Verteiler etc. Sie übernehmen zahlreiche Aufgaben entlang der drei Marktphasen:

Marktphase Funktionen/Aufgaben der Intermediäre
Informationsphase Informationsgewinnung
  Absatzförderung, Beschaffungsunterstützung
  Käufersuche, Kontaktaufnahme
Vereinbarungsphase Verhandlungen
  Matching (Anpassung des Angebots an die Nachfrage)
Abwicklungsphase Physische Distribution
  Finanzierung, Zahlungsverkehr
  Risikoübernahme

Tab. 5.1: Aufgaben der Intermediäre [Zbor96, S. 105].

Diese Aufgaben werden in traditionellen Märkten von einem oder mehreren Intermediären übernommen. Elektronische Märkte können einige oder alle dieser intermediären Funktionen übernehmen; man spricht in diesem Fall von "Disinermediation", vom Wegfall intermediärer Strukturen.

Von Disintermediation sind diejenigen Intermediäre betroffen, deren Aufgaben effizienter (d.h. mit geringeren Transaktionskosten) von elektronischen Märkten übernommen werden können. Von der Disintermediation besonders bedroht sind folglich Intermediäre, die ausschliesslich bestehende Marktintransparenz ausnützen und auf diese Weise Arbitrage-Geschäfte durchführen. Typische Beispiele sind Beschaffung, Bündelung und Verteilung von Informationen über gehandelte Produkte; Funktionen also, die elektronische Märkte im allgemeinen effizienter übernehmen können.

Der Wegfall einer Stufe in der Wertschöpfungskette (Disintermediation) kann zu grossen Transaktionskosten-Ersparnissen führen. Anschauliches Beispiel ist das Verschwinden des in Dealermärkten (Dealer als Intermediäre) auftretenden "Bid-Ask-Spread" durch den Bau elektronischer Börsen (vgl. Fallstudie "EBS", Kapitel 6.3). Ein weiteres Beispiel für Disintermediation, den Wegfall von Brokern und deren Aufgaben, bezeichnet Malone als "electronic brokerage effect" [Malo87, S. 488]. Der Broker als Intermediär wird überflüssig, seine Funktionen werden durch die Integration und gemeinsame Nutzung der Datenbestände verschiedener Marktteilnehmer übernommen. Malone stellt fest, dass dank des "electronic brokerage effects" der (jetzt elektronische) Markt "besser" wird, d.h. im allgemeinen sowohl die Auswahl als auch die Qualität angebotener Produkte steigt und Transaktionskosten gesenkt werden [Malo87, S. 488].

Intermediäre sind sich der Disintermediations-Effekte bewusst. Sie werden deshalb versuchen, den Status Quo (Markt-Intransparenz) auch in elektronischen Märkten zu erhalten oder die Realisierung elektronischer Märkte zu verhindern. Auf diesen Widerstand der Intermediäre wurde bereits im Kapitel 4.5.3 eingegangen.

 

"Execution-driven" vs. "consultant-driven"

Bezüglich des Potentials zur Disintermediation in Märkten kann zwischen "consultant-driven"- und "execution-driven" Märkten bzw. Markttransaktionen unterschieden werden [Pico97, S. 114]. "Execution-driven" sind Markttransaktionen dann, wenn nur die Ausführung der Transaktion im Zentrum steht und die Informationsphase weitgehend weggelassen werden kann, da das notwendige Wissen bereits vorhanden ist. Einzige auf dem Markt ausgehandelte Variable ist dann im Normalfall der Preis. "Execution-driven" Transaktionen weisen typischerweise ein hohes Disintermediations-Potential auf [Pico97, S. 114]. Im Gegensatz dazu rechtfertigt bei "consultant-driven"-Transaktionen das Wissen und die Beratung der Intermediäre deren Existenz; die Intermediäre liefern einen echten Mehrwert zum Produkt, für den ein Nachfrager bereit ist, zu bezahlen. Bei "consultant-driven"-Transaktionen werden typischerweise neben dem Preis noch viele zusätzliche Gestaltungsvariablen bestimmt bzw. ausgehandelt.

Durch zunehmende Produktstandardisierung kann eine Verschiebung von "consultant-driven"- zu "execution-driven"-Transaktionen stattfinden; die Beratung durch einen Intermediär ist dann nicht mehr notwendig und es entsteht zusätzliches Disintermediations-Potential.

 

Re-Intermediation

Elektronische Märkte sind nicht einfach vorhanden, sondern müssen aktiv gestaltet werden. Dadurch eröffnen sich sowohl für Marktteilnehmer (Nachfrager, Anbieter, bisherige Intermediäre), als auch für externe Interessenten (Netzbetreiber, Kommunikationsfirmen etc.) Möglichkeiten, durch die Realisierung elektronischer Märkte die Funktionen von neuen Intermediären zu übernehmen, was als "Re-Intermediation" bezeichnet werden kann. Der elektronische Markt kann aus dieser Sicht als eine die herkömmlichen Intermediäre ersetzende, neue, effiziente Intermediationsstruktur gesehen werden.

 

 

5.1.2 Organisatorische Auswirkungen

Durch die Einführung elektronischer Märkte für die zwischenbetriebliche Kommunikation ergeben sich Auswirkungen auf verschiedenen organisatorischen Ebenen im Unternehmen. Sie betreffen insbesondere die Umgestaltung der Unternehmensstruktur sowie die Möglichkeiten zur Realisierung neuer Organisationsformen.

Unternehmensintern werden mit der Einführung elektronischer Märkte für die "Business-to-Business"-Kommunikation Umgestaltungen in der Ablauforganisation notwendig. Es können bezüglich des organisatorischen Anpassungsbedarfs durchaus Parallelen gezogen werden zur Einführung von EDI in einem Unternehmen. Erfahrungen zeigen hier, dass für eine effiziente und sinnvolle Nutzung der Vorteile von EDI der Aufwand für die organisatorische Anpassung der Geschäftsabläufe meistens unterschätzt wird und häufig ausschliesslich technische Aspekte von EDI im Zentrum stehen. In der Literatur werden Schätzungen genannt, wonach durchschnittlich nur 20 Prozent aller Aufwendungen für die technische Implementierung von EDI-Systemen zu veranschlagen sind, die verbleibenden 80 Prozent auf organisatorische Anpassungen [Alt97, S. 125]. Dies hat zur Folge, dass ein wirklich umfassender Einsatz von EDI oft mit einem kompletten Überdenken und Neugestalten der Prozesse im Unternehmen einhergeht ("Business Process Redesign"). Angesichts der höheren Komplexität elektronischer Märkte im Vergleich zu EDI kann gefolgert werden, dass auch eine Einführung zwischenbetrieblicher elektronischer Märkte nach einem Neudesign der Geschäftsabläufe verlangt oder aber zumindest grosse Anstrengungen bezüglich organisatorischer zu unternehmen sind.

 

Aufbauorganisation

Durch den Einsatz elektronischer Märkte ändert sich neben den internen Prozessen und Abläufen jedoch auch die Aufbauorganisation eines Unternehmens. Klein stellt fest, dass allgemein das "Konzept der Firma" einen Wandel erfährt und die Grenzen eines Unternehmens zunehmend verschwimmen [Klei96a, S. 94]. An die Stelle der traditionellen wirtschaftlichen Einheit des Unternehmens treten vermehrt flexible zwischenbetriebliche Beziehungen und kooperative Strukturen. Dabei ist die Frage, ob dieser Wandel durch den vermehrten Einsatz von IT verursacht wird, oder ob die Umstrukturierungen vielmehr Ursache für Entwicklungen in der IT sind, letztlich irrelevant ("Henne-Ei-Problem"). Die Tendenz, grössere hierarchische Unternehmen in kleinere homogene Einheiten aufzulösen, ist ein heute allgemein beobachtbares Phänomen [Schm97, S. 4].

Die Vorteile elektronischer Märkte können beispielsweise in virtuellen Unternehmen zum Einsatz kommen. Virtuelle Unternehmen sind zeitlich begrenzte, durch IT verbundene Netzwerke von unabhängigen, sich in ihren Kernkompetenzen unterscheidende Unternehmen zur Erreichung eines Unternehmensziels [Skyr95a]. Elektronische Märkte können die Grundlage der flexiblen Verbindungen in virtuellen Unternehmen bilden [Gera97, S. 215].

Anzahl Lieferanten und Firmengrösse

Theoretisch ist davon auszugehen, dass die Anzahl Lieferanten mit der Etablierung von elektronischen Märkten im Vergleich zu konventionellen Märkten steigt. Die Begründung kann anhand von Transaktionskosten-Überlegungen gefunden werden: Der Einsatz von IT in Märkten senkt Transaktionskosten (Suchkosten, Koordinationskosten) und ermöglicht somit den Einbezug vieler möglicher Marktpartner zu geringeren Kosten [Clem93, S. 24f].

Empirische Studien zeigen jedoch das Gegenteil: Firmen reduzieren die Anzahl Zulieferer beim Einsatz von Informationstechnologie zur Gestaltung ihrer "Business-to-Business"-Beziehungen [Bryn93, S. 800]. Die Begründung dafür wird vor allem in der herausragenden Bedeutung von Qualitätsaspekten bei fremd beschafften Gütern gesehen [Bryn93, S. 799]. Die Sicherstellung einer bestimmten Qualität ist bei einer grösseren Zahl von Zulieferern mit höheren Transaktionskosten (Unsicherheit über Qualität, Mechanismen zur Qualitätssicherung etc.) verbunden (siehe dazu auch Kapitel 4.5.2). Diese empirische Beobachtung der Praxis lässt vermuten, dass die Transaktionskosten höher sind als die Vorteile, die durch ein effizientes marktliches Umfelds mit transparenten Auswahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Marktpartnern entstehen.

Eine detaillierte Analyse der Auswirkungen des IT-Einsatzes auf die optimale Anzahl von Zulieferern ist bei Brynjolfsson und Bakos zu finden [Bryn93].

 

 

5.1.3 Strategische Auswirkungen

Strategische Auswirkungen betreffen im Zusammenhang elektronischer Märkte vor allem die bewusste Schaffung von Wettbewerbsvorteilen. Gemäss Porter können Wettbewerbsvorteile ("competitive advantages") mit dem Einsatz von IT-Systemen grundsätzlich entweder durch eine Reduktion der Produktionskosten ("Kostenführerschaft") oder durch Produkte-Differenzierung gegenüber Konkurrenzprodukten geschaffen werden [Port85, S. 156f].

 

Kostensenkungen

Auf die Kostensenkungs-Potentiale elektronischer Märkte wurde bereits an verschiedenen Stellen eingegangen. In elektronischen Märkten gründen Kostenvorteile oft auf verbesserten Skalenerträge ("economies of scale"). "Economies of scale" liegen dann vor, wenn der Aufwand zur Produktion eines Stücks eines Guts mit steigendem Produktionsvolumen sinkt [Neum894, S. 56]. In elektronischen Märkten bedeutet dies, dass mit gleichem Aufwand, also ohne zusätzliche Marketing-Anstrengungen, ein viel grösserer Markt erreicht werden kann.

 

Produkte-Differenzierung

Auch die zweite Möglichkeit zur Schaffung eines Wettbewerbsvorteils, Produkte-Differenzierung, kann mit dem Einsatz elektronischer Märkte erreicht werden. Bereits durch die Verfügbarkeit auf einem elektronischen Markt hebt sich ein Produkt von Konkurrenzprodukten ab, indem ein neuer Verkaufskanal mit hoher Verfügbarkeit zur Verfügung steht [Bloc96, S. 31]. Das Produkt kann zudem beispielsweise durch die Beigabe zusätzlicher Informationen, die über den elektronischen Markt online verfügbar sind, differenziert werden (z. B. "Online-Troubleshooting", Online-Referenzhandbücher, Online-Archive von Fehlfunktionen des Produkts etc.) [Port85,S. 157; Bloc96,S. 30].

Wettbewerbsvorteile für Teilnehmer an elektronischen Märkten können entstehen, wenn der elektronische Markt nur einer abgeschlossenen Gruppe zugänglich gemacht wird. Die Teilnehmer haben dann gegenüber ihren Konkurrenten dank der innovativen Nutzung des elektronischen Marktes einen strategischen Vorteil. Dieser kann jedoch nur während einer beschränkten Zeit aufrechterhalten werden. Langfristig werden auch Konkurrenten ähnliche Infrastrukturen aufbauen und ein wirklicher Wettbewerbsvorteil dürfte sich ausschliesslich dann erhalten lassen, wenn besondere Informationen oder Fähigkeiten eingesetzt werden, die nicht leicht zu kopieren sind oder fortlaufende Innovation einen Vorsprung gegenüber alternativen Betreibern elektronischer Märkte schafft [Himb94,S. 55]. Vielzitiertes Beispiel sind diesbezüglich die Computer-Reservationssysteme ("Computerized Reservation Systems", CRS), die der sie einsetzenden Fluggesellschaft nur solange einen strategischen Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten verschaffte, bis diese ähnliche Systeme selbst entwickelt hatten.

 

Marketing-Funktionen

Nicht zuletzt wirkt die Teilnahme an einem elektronischen Markt auch als eine Marketing-Funktion [Bloc96, S. 32f]. Der Auftritt auf einem elektronischen Markt kann Teil der aufgebauten Marke oder des Firmen-Image sein. Dank der Möglichkeiten, das Verhalten von Kunden auf dem elektronischen Markt praktisch ohne zusätzlichen Aufwand zu erfassen, kann auf jeden Kunden individuell reagiert werden [Bloc96, S. 32].

Ausgeprägten Marketing-Charakter haben insbesondere Auftritte von Unternehmen auf dem "World Wide Web", wobei dadurch in besonderem Masse der Retail-Markt angesprochen wird.
 

 

5.2 Auswirkungen auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene

Es ist offensichtlich, dass elektronische Märkte nicht losgelöst vom wirtschaftlichen Umfeld, in dem sie sich befinden, existieren. Deshalb werden in diesem Kapitel die Auswirkungen und Wechselwirkungen auf der makroökonomischen Ebene untersucht. Dabei werden in einem ersten Teil (Kapitel 5.2.1) elektronische Märkte im Zusammenhang mit der Globalisierung und internationalen Dynamisierung der Wirtschaft betrachtet. Im darauf folgenden Kapitel 5.2.2 wird versucht, die Auswirkungen elektronischer Märkte auf die gesamtwirtschaftliche Effizienz und Produktivität darzustellen. Im Zentrum steht dabei unter anderem eine gründliche Analyse der in einem elektronischen Markt auftretenden Transaktionskosten.

 

5.2.1 Globalisierung und internationaler Wettbewerb

Der Begriff der "Globalisierung" umfasst mehrere, teilweise konvergierende Trends. Neben der eigentlichen Aussage des Begriffs, dass wirtschaftliche Aktivitäten zunehmend nicht mehr auf einen geographischen Ort oder eine Region begrenzt sind, gehören dazu insbesondere auch Liberalisierungs-, Harmonisierungs- und Deregulierungsanstrengungen in praktisch allen Branchen und Bereichen des wirtschaftlichen Lebens. Ebenfalls dazu gehören die "zunehmenden politischen Verflechtungen zwischen Staaten" [Zbor96, S. 121]. Wirtschaftsverbindungen wie die NAFTA, EU oder auch die WTO sind Ausprägungen der Bemühungen um zunehmende Globalisierung. Gesamthaft betrachtet bilden diese volkswirtschaftlichen Tendenzen Teil der Grundlage für das entstehen globaler elektronischer Märkte. Dabei können elektronische Märkte sowohl als Ursache als auch als Folge der Globalisierungstendenzen betrachtet werden.

 

Veränderung der Wirtschaftsstrukturen

Durch das Merkmal der Ubiquität (siehe Kapitel 2.2.3) elektronischer Märkte wird die Globalisierung des wirtschaftlichen Lebens unterstützt. Sowohl auf Anbieter- als auch auf Nachfrager-Seite erreicht der Absatz- bzw. der Beschaffungsmarkt globale Dimensionen. Dies kann bei theoretischer Betrachtung dazu führen, dass bestimmte, über elektonische Märkte gehandelte Produkte, nur noch dort produziert und beschafft werden, wo dies am effizientesten gelingt ("global sourcing") [Gera97, S. 215]. Führt man diese Überlegungen weiter, so führen elektronische Märkte im Extremfall zu einer weitreichenden Veränderung der Branchen- und Marktstrukturen, d.h. zu einer sektoriellen Verlagerung innerhalb der Wirtschaftsräume [Kräh94, S. 58]. "Die ökonomischen Aktivitäten werden global neu verteilt, mit zum Teil recht negativen Auswirkungen für die Industrieländer. Die Schutzfunktionen des Raumes, auf denen die Macht der Staaten und regionaler Kartelle teilweise beruhen, schmelzen dahin [Schm97, S. 2]. Die zu erwartenden Veränderungen in den Marktstrukturen gehen einher mit einer Erhöhung der Wettbewerbsintensität zwischen den auf globalen, transparenten elektronischen Märkten agierenden Handelspartnern.

 

Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und Technik

Die allgemein seit längerem mit den Schlagworten Globalisierung und Dynamisierung sowie Liberalisierung und Deregulierung gekennzeichnete Wandel der Wirtschaft steht in einer gegenseitigen Wechselwirkung mit dem technologischen Fortschritt [Zbor96, S. 27f]. Der Einsatz verschiedener Informations- und Kommunikationstechnologien bewirkt nicht nur in der Ausprägung elektronischer Märkte, tiefgreifende Veränderungen in den Wirtschaftsbeziehungen. Andererseits aber kann die Frage gestellt werden, ob nicht gerade Erscheinungen wie die beobachtbare Globalisierung nach einer fortgeschrittenen Informations- und Kommunikationstechnologie verlangen. Es handelt sich dabei um eine Spiralwirkung, in der sich ökonomische Tendenzen und technische Trends gegenseitig fördern.

 

 

5.2.2 Effizienz- und Produktivitätssteigerungen

Wie bereits in den grundlegenden Ausführungen zu den (traditionellen) Märkten (Kapitel 2.2.3) erwähnt, sind real existierende Märkte nie vollkommen. Mängel betreffen insbesondere die unvollständigen Informationen über das Marktgeschehen, die ungenügende Anzahl Teilnehmer sowie verschiedene Arten von Transaktionskosten, beispielsweise von Such- oder Verhandlungskosten. Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit elektronische Märkte eine Auswirkung auf diese Unvollkommenheiten und damit aus gesamtwirtschaftlicher Sicht auf die Effizienz und Produktivität einer Volkswirtschaft haben. Dieser Frage soll mit Hilfe des Transaktionskosten-Ansatzes nachgegangen werden.

 

Effizienzsteigerungen in den Marktphasen

Die folgende Tabelle 5.2 zeigt eine Zusammenfassung der während einer Markttransaktion in den drei Marktphasen anfallenden Transaktionskosten:

Marktphasen
Informationsphase Vereinbarungsphase Abwicklungsphase
Produkte Vertragsabfassung Überwachung und regulärer Vollzug
Suchaufwand Verhandlungsaufwand Verfolgung offener Kontrakte
Kommunikationsaufwand (Werbung, etc.) Vertragsausgestaltung Übermittlung von Statusinformationen
Messprobleme (Qualität) Vertragsabsicherung Synchronisation des Vollzugs
Vergleichsaufwand Direkte Markteffekte Physische Lieferung
Verifikation der Informationen Liquiditätskosten Bezahlung
Bewertung und Evaluation Opportunitätskosten Anpassung bei veränderten Bedingungen
Marktteilnehmer Exekutionskosten Einvernehmliche Neuaushandlung
Suchaufwand   Beseitigung von Auslegungsdifferenzen
Kommunikationsaufwand   Durchsetzung bei Vollzugsproblemen
Verifikation von Herstellerdaten   Abstimmung von Vertragsdifferenzen
Aufbau von Vertrauen und Reputation   Rechtsdurchsetzung
    Ersatz bei Nichterfüllen

Tab. 5.2: Transaktionskostenelemente in den Markphasen ([Kräh94, S. 179] mit leichten Anpassungen).

Es ist nun zu untersuchen, welche Transaktionskostenelemente durch elektronische Märkte reduziert oder eliminiert werden können.

Informationsphase: In der Informationsphase ermöglichen intelligente Suchdienste und elektronische Produktpräsentationen (Kapitel 4.1) eine deutliche Reduktion der Suchaufwände. Ebenfalls transaktionskostensenkend wirken sich die Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation zwischen den Marktteilnehmern aus.

Evtl. neue Transaktionskosten können entstehen, wenn Massnahmen zur Sicherung der Vertrauenswürdigkeit von Marktpartnern oder der Qualität von angebotenen Produkten unternommen werden müssen (vgl. dazu Kapitel 4.13 und 4.5.2). Unter Umständen können die durch die Verifikation der elektronisch vermittelten Information Transaktionskosten grösser sein als die erreichten Transaktionskosten-Senkungen in der Informationsphase.

Vereinbarungsphase: In der Vereinbarungsphase hängt die erzielte Transaktionskosten-Reduktion stark ab vom Grad der Automatisierung des eigentlichen Preismechanismus. Mit zunehmender Automatisierung nehmen tendenziell die anfallenden Transaktionskosten der Preisfindung ab. Am geringsten sind folglich Kosten der "Vertragsabfassung" (Tab. 5.2) bei elektronischen Märkten mit automatischem Matching-System.

Neue, zusätzliche Transaktionskosten entstehen in der Vereinbarungsphase insbesondere durch die eventuell herrschende Unsicherheit bezüglich der Rechtslage von elektronisch durchgeführten Vertragsabschlüssen (vgl. Kapitel 3.1.2).

Abwicklungsphase: Die Potentiale zur Erhöhung der Effizienz in der Abwicklungsphase mittels dem Einsatz von IT wurden bereits früh erkannt. EDI-Systeme entstanden genau zu diesem Zweck der Transaktionskosten-Reduktion im Bereich des zwischenbetrieblichen Nachrichtenaustausches. Auch in elektronischen Märkten reduzieren Systeme zur Unterstützung der Güter-Logistik und des Zahlungsverkehrs Transaktionskosten.

Negative Wirkungen auf die Transaktionskosten können auch in der Abwicklungsphasen durch rechtliche Unsicherheiten entstehen, vor allem bezüglich der Durchsetzung elektronisch geschlossener Vereinbarungen im Falle von Vollzugsproblemen.

Vollkommene und effiziente Märkte?

In einer gesamthaften Betrachtung ist sich der grösste Teil der einschlägigen Forschung einig, dass der Einsatz von Kommunikationstechnologie insgesamt transaktionskostensenkend wirkt [Malo87; Bako91b; Pico97, S. 110f]. Dadurch sind elektronische Märkte als Schritt in die Richtung eines idealen ökonomischen Marktes zu sehen, wie er in Kapitel 2.2.3 definiert wurde. Elektronische Märkte kommen insbesondere der Forderung der Theorie nach einem effizienten "Punktmarkt" nahe, der für Marktteilnehmer überall erreichbar ist (Kriterium der "Ubiquität") [Schm96, S. 5]. Die verbesserte Transparenz in elektronischen Märkten ist eine weitere Komponente, die effizienzsteigernd wirkt. In transparenten Märkten existiert (theoretisch) keine Informationsasymmetrie mehr. Mit der Erhöhung der Markttransparenz erhöht sich auch die Marktintensität und es findet eine Annäherung der Preise an den theoretisch optimalen Marktpreis statt [Neum84, S. 55]. Durch die Annäherung an diesen "wahren" Marktpreis wird letztlich die Allokationseffizienz auf einem Markt verbessert.

 

Produktivität

Ein weiterer aus gesamtwirtschaftlicher Sicht interessierender Begriff ist der der "Produktivität". Er bezeichnet das Verhältnis zwischen ausgestossener Produktionsmenge (Output) und verbrauchter Menge eines Produktionsfaktors (Input) [Kräh94, S. 59]. Die Erhöhung der Produktivität bedeutet demnach, dass für dieselbe Menge Output weniger Input benötigt wird oder, dass mit demselben Input mehr Output produziert werden kann. Der Einsatz neuer Technologien, hier insbesondere der Einsatz elektronischer Märkte in einer Volkswirtschaft, ist unter diesem Aspekt genau dann sinnvoll, wenn dieses Produktivitätskriterium erfüllt wird.

Die Messung der durch den Einsatz von elektronischen Märkten erwirkten Produktivitätssteigerung bringt jedoch schwerwiegende messtechnische und methodische Probleme mit sich [Kräh94, S. 63]. Im Gegensatz zur mikroökonomischen Betrachtungen eines einzelnen Unternehmens, wo dazu als brauchbare Alternative auch die relativ einfachen Kosten-Nutzen-Erhebungen durchführbar sind, fehlt eine vergleichbare Möglichkeit für gesamtwirtschaftliche Betrachtungen. Ungeeignet sind insbesondere vereinfachte Extrapolationen von betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Daten auf eine gesamtwirtschaftliche Produktivitätszahl [Kräh94, S. 64].

 

Produktivitätsparadox

Das Produktivitätsparadox bezeichnet den Umstand, dass trotz riesigen Investitionen moderner Volkswirtschaften in die IT-Infrastruktur und trotz einer Vervielfachung der technischen Leistungsfähigkeit der Hard- und Software der gesamtwirtschaftlich festgestellte (bzw. geschätzte) Produktivitätszuwachs in praktisch sämtlichen Branchen weltweit geringer ausgefallen ist als in den Jahren vor dem intensiven Einsatz von IT. Angesichts der betrieblichen Wirklichkeit erscheint die Aussage, dass durch den Einsatz von IT allgemein und damit auch durch den Einsatz elektronischer Märkte als Subklasse davon, keine Produktivitätssteigerungen erzielt wurden, geradezu als absurd. Vor diesem Hintergrund bleibt deshalb als Erklärungsansatz nur übrig, dass der "technologieinduzierte Produktivitätszuwachs" in den volkswirtschaftlichen Produktivitätserhebungen mit herkömmlichen Methoden nicht erfasst wird [Kräh94, S. 65].

Dass Produktivitätsfortschritte dank dem Einsatz von IT gemacht werden, ergibt sich allein schon aus der Tatsache, dass ein rational geführtes Unternehmen langristig nur dann in eine Technologie investiert, wenn daraus auf Unternehmensebene Produktivitätsvorteile erwachsen. Im Bereich elektronischer Märkte zeigen die bereits seit mehreren Jahren verfügbaren Systeme, beispielsweise im Börsen- und Flugreservations-Bereich, eindrücklich und auch ohne detaillierte Analyse die grossen



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