6 Fallstudien
Mit den folgenden drei Fallstudien soll versucht werden, ausführliche Beispiele von elektronischen Märkten im "Business-to-Business"-Bereich in den theoretischen Rahmen dieser Arbeit einzubetten. Als Fallbeispiele gewählt wurden:
Die drei Fallstudien werden, um die Vergleichbarkeit zu erleichtern, soweit als möglich alle anhand des folgende Grobrasters beschrieben bzw. analysiert:
1 Hintergründe
Traditioneller Handelsablauf
Motivation und Ziele
2 Systemfunktionalität und -architektur
Systemfunktionalität: Informationsphase
Systemfunktionalität: Vereinbarungsphase
Systemfunktionalität: Abwicklungsphase
IT-Architektur
3 Diskussion
Anforderungen
Marktphasenunterstützung
Auswirkungen
Beurteilung
Zukunft
Im Kapitel 6.4 erfolgt ein abschliessender Vergleich der Fallstudien aufgrund der im Theorieteil aufgestellten Kriterien bezüglich Anforderungen (Kapitel 3), Unterstützung der Marktphasen (Kapitel 4) und Auswirkungen (Kapitel 5).
6.1 "CALM" ("Computer Aided Livestock Marketing")
Mit der "CALM"-Fallstudie liegt ein interessantes Beispiel einer elektronischen Auktion vor. "CALM" ("Computer Aided Livestock Marketing") ist in Australien bereits seit Mitte 1987 ohne bedeutende konzeptionelle Änderungen für den Handel von "livestock", d.h. Rindern, Schafen und Schweinen erfolgreich im Einsatz.
Die Angaben in dieser Fallstudien basieren, soweit nicht anders angegeben, auf folgenden Quellen: [Clar93] und [Amlc97].
6.1.1 Hintergründe
Die überragende wirtschaftliche Bedeutung der Vieh- und Schafzucht für Australien ist bekannt. Die Produktion von Fleisch und Wolle ist auch heute noch der bedeutendste Industriezweig des Kontinents. Pro Jahr werden über 10 Millionen Stück Rinder, 50 Millionen Schafe und Lämmer sowie 5 Millionen Schweine gehandelt, wobei der grösste Teil nach dem Handel gleich geschlachtet und weiterverarbeitet wird. Die Industrie bzw. die Preise für "livestock" sind starken Schwankungen unterworfen und in hohem Masse abhängig vom Wetter sowie von den Exportbedingungen in die Hauptmärkte Europa und Nordamerika.
Die australische Fleisch-Industrie ist (ausser im Bereich Schweine) vertikal kaum integriert. Die vielen tausend "farms" werden als kleine Familienbetriebe geführt; es existieren nur wenige national agierende Grossunternehmen, die auch eng mit nachgelagerten Produktionsabläufen (Schlachthof, Transporteure, Kühlhäuser, Warenhäuser etc.) verbunden sind. Aus diesem Grund wurden in ganz Australien hunderte von regionalen Viehhandelszentren ("livestock saleyards") eingerichtet, an denen die Farmer ihr Vieh kaufen bzw. verkaufen. Weitere wichtige Akteure neben den Produzenten sind Agenten, die Vieh im Auftrag eines Züchters (Farmers) kaufen bzw. verkaufen, sowie die ca. 150 Schlachthöfe. Als übergeordnete, halbstaatliche Behörde nimmt die "AMLC" ("Australian Meat and Livestock Corporation"; URL: http://www.amlc.com.au) ebenfalls eine wichtige Stellung ein. Die "AMLC" wurde 1977 zwar vom Parlament ins Leben gerufen, sie wird jedoch ausschliesslich mit Geldern der Industrie unterhalten und personell besetzt. Mitglieder sind Produzenten, Exporteure sowie lokale Verteiler. Die Hauptaktivitäten liegen im Marketingbereich, dem Setzen von Handels-Standards sowie in der Entwicklung des hier beschriebenen "CALM".
Traditioneller Handelsablauf
Während Jahrzehnten wurde das zu handelnde Vieh normalerweise vom Farmer über weite Strecken zu einem "livestock saleyard" transportiert. Dort konnte es von potentiellen Käufern begutachtet und in der anschliessend durchgeführten Auktion erworben werden. Das Zusammentreffen auf einem der regionalen "saleyards" war ein wichtiges Stück des ländlichen Lebens und der australischen Kultur, so dass die Farmer nur selten oder bei sehr grossen Distanzen Agenten mit dem Kauf oder Verkauf von Vieh beauftragten. Da oft beträchtliche Strecken mit dem Vieh bis zum "saleyard" zurückzulegen waren, wurde oft auch verkauft, obwohl der Preis unter dem eigentlichen Marktpreis lag. Insgesamt resultierte daraus eine hohe Preisvolatilität auf den vielen, relativ kleinen Viehauktionen.
Neben dem Handel auf den "saleyards" spielte auch der Handel unter lokalen Farmern eine wichtige Rolle. Auch aus diesen direkten Verhandlungen resultierte kein eigentlicher Marktpreis.
Motivation und Ziele
Die erwähnten negativen Aspekte des "traditionellen" Viehhandels- bzw. Auktionssystems führten dazu, dass bereits Ende der 70er und anfangs der 80er Jahre auf Drängen der Industrie erste Initiativen ergriffen wurden, um den Handel mittels Informationstechnik zu unterstützen. Zu diesem Zweck gründete der Dachverband "AMLC" eine neue Abteilung, "CALM" ("Computer Aided Livestock Marketing"). "CALM" kam die Aufgabe zu, ein elektronisches, nationales Handelssystem aufzubauen. Starke Unterstützung fand das ehrgeizige Vorhaben nicht nur beim Dachverband "AMLC" sondern auch beim zuständigen Staatsminister und seinem Departement ("Primary Industry and Energy Department").
Als Zielsetzung des als "CALM" bezeichneten, geplanten elektronischen Handels-Systems wurde folgendes spezifiziert [Clar93, S. 62f]:
6.1.2 Systemfunktionalität und -architektur
Im folgenden soll die Systemfunktionalität des neuen Systems "CALM" vorgestellt werden Dabei wird die Beschreibung, soweit als sinnvoll erachtet, in die drei Marktphasen untergliedert. Zusammenfassend betrachtet ist "CALM" ein elektronisches Auktionssystem, bei dem auf Basis einer standardisierten Beschreibung eines "lots" (bestimmte Anzahl Vieh) einmal wöchentlich online gehandelt werden kann.
"CALM"-Systemfunktionalität: Informationsphase
Die Informationen über die auf der Auktion (siehe unten) gehandelten Lose ("lots") erhalten die Marktteilnehmer anhand eines elektronischen Kataloges mindestens einen ganzen Arbeitstag vor Beginn der Auktion. Auf Basis der Informationen im Katalog (Los-Nummer, Beschreibung des Loses, Anfangspreis der Auktion etc.) soll der Käufer seine Kaufentscheidung fällen bzw. einen Überblick über das Angebot auf dem Markt erhalten. Um selbst ein "lot" Vieh an der elektronischen Auktion zu verkaufen, nimmt der Verkäufer einige Zeit vorher mit einem bei "CALM" akkreditierten Begutachter ("assessor") Kontakt auf. Dieser inspiziert die Tiere und nimmt die Beschreibung und Klassifikation für den Katalog vor.
Während der Auktion bleiben alle gehandelten Tiere "zuhause" auf der Wiese oder im Stall, es findet keine Besichtigung der Tiere durch die Marktteilnehmer vor oder während der Auktion statt. Aus diesem Grund ist es für das Funktionieren des Systems ausserordentlich wichtig, dass die Beschreibung der Lose im Katalog verlässlich und korrekt ist. Zudem muss sie soweit formalisiert sein, dass ein direkter Vergleich der Lose möglich ist. Um die Lose objektiv und standardisiert beschreiben zu können, wurde die "AUS-MEAT-Language" ("Authority for Uniorm Specification of Meat and Livestock") entwickelt.
Dem "Meta"-Informationsdienst des "CALM"-Systems kommt ebenfalls grosse Bedeutung für die Kaufentscheide der Marktteilnehmer zu. Unter dem Begriff "CALM Market Intelligence" werden seit Mitte 1991 verschiedenste Hintergrundinformationen online angeboten. Dazu gehören Statistiken zu mittels "CALM" erzielten Verkaufspreisen, historische Trends der Verkaufspreise, Marktkommentare, Kommentare zu den Exportmärkten sowie wichtige Daten der Finanzmärkte. Ebenfalls verfügbar ist ein Register mit sämtlichen Angaben zu Viehzüchtern, inklusive deren Spezialisierungen und Zielen. Diese ausführlichen und wertvollen Hintergrundinformationen wurden nicht zuletzt auch angeboten, um einen Anreiz für zusätzliche Teilnehmer am "CALM"-System zu schaffen.
"CALM"-Systemfunktionalität: Vereinbarungsphase
"CALM" wurde als elektronisches Auktionssystem konzipiert, auf das die Marktteilnehmer (Käufer) über ein Netzwerk zugreifen (siehe unten: IT-Architektur). Die Auktion findet normalerweise einmal wöchentlich statt (periodische Auktion). Als Auktionsmechanismus werden verschiedene Verfahren eingesetzt, üblicherweise die englische Auktion (als "sequential auction" bezeichnet) oder eine als "simultaneous auction" bezeichnete Abwandlung davon. Für die kommenden Ausführungen soll von der bereits bekannten englischen Auktion (Kapitel 4.2.4) ausgegangen werden.
Während die Auktion läuft, wird auf dem Bildschirmen der Marktapplikationen der Auktionsteilnehmer (Käufer) der vom Verkäufer bzw. "market operator" gesetzte Anfangspreis zusammen mit der Nummer des zu versteigernden Loses ("lot") angezeigt. Die Auktion verläuft anonym, d.h. ein Bieter kennt die anderen Bieter nicht. Durch Eingabe der Losnummer kann jeder Teilnehmer das Gebot um die (fest definierte) Steigerungsrate erhöhen. Jedes so abgegebene Gebot ist unwiderruflich und verbindlich; den Zuschlag erhält das höchste Gebot.
Anstatt selbst aktiv über die Marktapplikation am Auktionsprozess teilzunehmen, können die Teilnehmer die Funktion "program bidding" des "CALM"-Systems aufrufen. Diese Funktion erlaubt es, vor der Auktion für ein bestimmtes Los einen Höchstkaufpreis zu spezifizieren. Die Funktion nimmt dann als "elektronischer Agent" am Bietprozess teil. Diese "program bidding"-Funktion stellt eine einfache, aber recht effiziente Implementation eines elektronischen Agenten (vgl. Kapitel 4.2.2) dar. Konzeptionell gesehen wird dadurch ein entscheidender Schritt von einer elektronisch unterstützten zur einer automatisierten Vereinbarungsphase gemacht.
"CALM"-Systemfunktionalität: Abwicklungsphase
Mit der Abgabe des letzten Gebots, d.h. mit dem dadurch abgeschlossenen verbindlichen Vertrag zwischen Verkäufer und (meistbietendem) Käufer ist der Einsatz bzw. die Funktionaliät von "CALM" beendet. Logistische Unterstützung der Abwicklungsphase wird keine geboten. Ein Zahlungssystem ist momentan ebenfalls nicht vorhanden, jedoch für die Zukunft geplant.
IT-Architektur
Das "CALM"-System ist grundsätzlich als Client/Server-Architektur aufgebaut, basierend auf einem WAN, das ganz Australien abdeckt. Beim WAN handelt es sich um "Austpac", das X.25-Netzwerk der "Telecom Australia". Als Server im Zentrum steht der zentrale Grossrechner ("DEC MicroVAX" mit "VMS"-Betriebssystem) inklusive Backup-Rechnern. Hier ist die Auktions-Software, das eigentliche Marktsystem, implementiert. Von den Marktteilnehmern wird auf das Marktsystem mittels VT100-Terminals bzw. über PCs mit entsprechender VT100-Emulations-Software zugegriffen.
6.2.3. Diskussion
Das "CALM"-System ist seit Mitte 1987 ununterbrochen und mit stetig steigender Teilnehmerzahl im Einsatz. Ca. 27000 Personen waren (1992) als Nutzer registriert, im Einsatz standen ca. 3500 VT100-Terminals.
Die Zielsetzungen (siehe Kapitel 6.1.2), die der "AMLC" sich gesetzt hatte, wurden mit "CALM" weitgehend erreicht. Nach über zehnjährigem Betrieb werden vom "AMLC" die wichtigsten Vorteile wie folgt zusammengefasst [AMLC97]:
Diese Vorteile sind weitgehend kongruent mit den spezifizierten Zielsetzungen. Bezüglich der direkten Kostenersparnis wird in einer Schätzung beispielsweise von 33.40 AUD pro Rind ausgegangen (bei einem Preis von ca. 400-500 AUD). Die Fleischqualität kann nur sehr schwierig gemessen werden, doch ist dank der verminderten Transporte von einer Verbesserung auszugehen.
Anforderungen
Der gute Erfolg von "CALM" lässt bereits vermuten, dass die im Kapitel 3 gestellten Anforderungen an elektronische Märkte grösstenteils erfüllt wurden. Die folgende Tabelle 6.1 bietet eine Übersicht über deren entsprechende Umsetzung im "CALM"-System.
| Anforderungen | Kurzbeschreibung: "CALM" |
| Anforderungen an die instit. Umwelt | |
| Rolle Staat | Auftraggeber ("AMLC") ist halbstaatliche Organisation; Unterstützung durch einen Minister inkl. Departement |
| Rechtlicher Rahmen | keine Angaben |
| Ökonomische Anforderungen | |
| Beschreibbarkeit | Güterklasse:
materielle Realgüter; Heterogenität: mittel Rationalität: eher hoch; Beschreibungsmittel: standardisierte Sprache ("AUS-MEAT"-Language) |
| Kritische Masse | seit System-Start erreicht; trotzdem geringer Gesamtmarktanteil (unter 10%) |
| Benutzer-Offenheit | Geschlossener EM; keine marktverzerrenden Eintrittsbarrieren |
| IT-Basis und Anforderungen | |
| Architektur | Client/Server- Architektur |
| Basisnetze | X.25; WAN |
| Netzdienste | VT100-Terminal bzw. Terminal-Emulationssoftware für PC |
| Schichtenübergreifende Anford. | |
| Offenheit, Standards | Stark proprietäres System (bzgl. Software, verwendete Beschreibungssprache) |
| Sicherheit | keine Angaben |
Tab. 6.1: Erfüllung der Anforderungen im "CALM"-System.
Von grosser Wichtigkeit für den Erfolg von "CALM" war die leitende Funktion des initiierenden "AMLC", der sowohl auf eine breite Abstützung in der gesamten Industrie als auch auf die Unterstützung des Staates zählen konnte. Dadurch konnte vom Start des Systems an eine gute Akzeptanz erreicht werden.
Bezüglich den ökonomischen Anforderungen wurden alle Kriterien erfüllt. Die an und für sich beim "materiellen Realgut" Vieh bestehende Heterogenität wird dadurch vermindert, indem die "assessors" das Vieh in in sich homogene Klassen einteilen und mit der standardisierten Sprache "AUS-MEAT-Language" beschreiben. Die kritische Masse zum Betrieb von "CALM" wurde, wie bereits oben erwähnt, bereits beim Systemstart erreicht. Neben der Unterstützung durch die Industrie und den Staat trug dazu anfänglich auch eine kleine Gruppe innovativer Viehzüchter bei, die gleichsam durch die Übernahme einer "leading role" als Beispiel für die Vorteile des neuen Systems geworben haben. Obwohl die kritische Masse zum Betrieb erreicht ist, und "CALM" auch auf stetige Zuwachsraten verweisen kann, lag 1993 der Anteil der über das elektronische System laufenden Vieh-Transaktionen bei unter 10 Prozent des gesamten australischen Vieh-Handelsvolumens.
"CALM" kann bezüglich des Kriteriums "Benutzer-Offenheit" als geschlossener Markt bezeichnet werden. Die Registrierung ist jedoch gratis und die Betreiber werben zudem aktiv für eine möglichst breite Teilnahme am System.
In bezug auf die IT-Infrastruktur ist ein grosser Modernisierungsbedarf festzustellen. Insbesondere gilt dies für die Marktapplikationen, also den Zugriff auf das Handelssystem mittels VT100-Terminals bzw. Emulationssoftware (schlechtes, textbasiertes Benutzerinterface). Eine Portierung des Systems auf standardisierte offene Komponenten würde sowohl die Erweiterbarkeit als auch die Integration in weitere Applikationen seitens der Benutzer erleichtern oder ermöglichen.
Marktphasen-Unterstützung
Die folgende Tabelle 6.2 zeigt zusammenfassend, wie bzw. ob die einzelnen Dienste in den drei Marktphasen in "CALM" realisiert wurden (vgl. Kapitel 6.2.2).
| Marktphasen | Marktphasen-Unterstützung im "CALM"-System |
| Informationsphase | |
| Suchdienst | nicht vorhanden |
| Informationsdienst | elektronischer Katalog, standardisierte Produktbeschreibung |
| "Meta"-Informationsdienst | "CALM Market Intelligence System": gut ausgebautes, eigenes Online-System (Statistiken, Berichte, Kommentare, Register etc.) |
| Vereinbarungsphase | |
| Preismechanismus | Auktionsmechanismus (Umsetzung des traditionellen Verfahrens) |
| Grad der Unterstützung | 2
Möglichkeiten: a) Marktteilnehmer interagiert mit dem System (Normalfall): elektronische Unterstützung; b) elektronischer Agent wird programmiert: Automatisierung |
| Abwicklungsphase | |
| Logistiksysteme | keine Unterstützung (wird als ausserhalb der Systemgrenzen angesehen) |
| Zahlungsverkehr | keine Unterstützung; Integration von EFT geplant |
| Weitere Abwicklungsdienste | keine Unterstützung |
Tab. 6.2: Marktphasen-Unterstützung im "CALM"-System.
Die Informationsphase besteht im wesentlichen aus einem am Vortag der Auktion zugesandten elektronischen Produktkatalog, anhand dessen Beschreibungen der Lose an der Auktion teilgenommen wird. Grosse Bedeutung kommt dem "Meta"-Informationsdienst zu. Er ist stark ausgebaut und wird von den Betreibern, aber auch von den Marktteilnehmern als ein kritischer Erfolgsfaktor und wichtiges Marketing-Element des "CALM"-Systems gesehen.[Clar93, S. 65ff].
Die Vereinbarungsphase entspricht weitgehend einer elektronischen Umsetzung der traditionellen Auktion auf dem "saleyard". Interessant ist die Möglichkeit, elektronische Agenten einsetzen zu können und somit die Vereinbarungsphase zu automatisieren. Inwieweit von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, ist leider unbekannt.
Ein grosses Defizit ist bezüglich der Integration der Abwicklungsphase in das "CALM"-System festzustellen. Sie ist nicht vorhanden, die elektronische Unterstützung der Markttransaktion hört also mit dem Abschluss einer Auktion auf. Die Integration von Logistiksystemen, z. B. Datentransfer zwischen Produzenten, Auktionssystem und Schlachthof, wird als nicht prioritär bezeichnet und vollständig den Agenten überlassen (siehe unten, Stichwort Disintermediation).
Geplant ist jedoch die Einführung und Integration eines Zahlungsverkehrssystems basierend auf "EFT" ("Electronic Funds Transfer").
Auswirkungen
Auf die grundsätzlich positiven Auswirkungen bezüglich Verbesserung der Effizienz und der operativen Abläufe wurde bereits eingegangen. Hier soll deshalb der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich beim "CALM"-System empirische Bestätigung für die im Kapitel 5 auf theoretischer Basis gemachten Ausführungen zu den Auswirkungen elektronischer Märkte finden lässt. Die Tabelle 6.3 fasst die Resultate zusammen:
| Aspekte | Auswirkungen in "CALM" |
| Unternehmensebene | |
| Disintermediation
- Re-Intermediation |
Disintermediation:
Wegfall von Agenten, Dealern, "saleyard
operators", teilweise Transporteure Re-Intermediation: Ehemalige Agenten werden zu "assessors" |
| Organisatorische Auswirkungen | Ablauforganisation:
Neu gestaltete Abläufe (keine Reisen u.
Transporte zu Auktionen mehr) Aufbauorganisation: keine Angaben |
| Strategische Auswirkungen | Flexibleres,
schnelleres Reagieren auf den (australischen und
globalen) Märkten Produktedifferenzierung: Bessere Fleischqualität; grosse Bedeutung von "CALM" als Marketing-Instrument für den internationalen Export Kostensenkungen: weniger Transporte; stabilere, "bessere" Marktpreise |
| Gesamtwirtschaftliche Ebene | |
| Globalisierung | Erhalten der führenden Position auf den Weltmärkten; Zusammenschluss aller "Livestock"-Auktionen Australiens |
| Effizienz und Produktivität | Bessere
landesweite Allokation der Güter (Fleisch); keine
unnötigen Transporte mehr; Transparenterer Gesamtmarkt |
Tab. 6.3: Auswirkungen des "CALM"-Systems.
Da der Handel von Vieh grösstenteils als "execution-driven"-Transaktion bezeichnet werden kann, ergab sich ein grosses Potential für Disintermediation. Die daraus entstehenden Widerstände betroffener Gruppen (v.a. Verkaufsagenten) konnten dadurch abgebaut werden, dass sie grösstenteils heute als bei "CALM" akkreditierte "assessors" (siehe Kapitel 6.1.2) Aufgaben übernehmen (Re-Intermediation). Die markantesten organisatorischen Veränderungen ergaben sich für die Produzenten und Händler, die nun nicht mehr mit ihren Tieren zu "saleyard Auctions" reisen müssen. Auch die übrigen Abläufe (z. B. Transport zum Schlachthof, Begutachtung der Tiere durch "assessor" etc.) wurde an die Erfordernisse von "CALM" angepasst.
Die strategischen Auswirkungen von "CALM" entsprechen weitgehend den an das System gestellten Zielen: durch einen effizient funktionierenden Markt wird die Spitzenposition auf dem Weltmarkt unterstützt und erhalten. Eine Produktdifferenzierung im Sinne eines "strategischen Wettbewerbsvorteils" findet dadurch statt, dass die Fleischqualität dank "CALM" verbessert werden konnte und das System als Marketing-Instrument für den internationalen Export eingesetzt wird. Im Kostenbereich wurden vor allem dank weniger Transporte erhebliche Einsparungen erreicht.
Auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene wurde mit
"CALM" bewusst ein Mittel geschaffen, um auf den
globalen Weltmärkten weiterhin eine Spitzenposition einnehmen zu
können. Als "Globalisierung im kleinen (nationalen)
Rahmen" kann der Zusammenschluss aller
"Livestock"-Auktionen Australiens zu einem einzigen
System gesehen werden.
6.2 "CitiusNet"
Die vorliegende "CitiusNet"-Fallstudie ist ein Beispiel für ein EDI-Netzwerk, das sich von einem zwischenbetrieblichen hierarchischen System Richtung einer marktlicher Koordinationsform gewandelt hat. Im heutigen Zustand präsentiert sich "CitiusNet" als ein elektronischer, fixierter Markt auf Basis eines elektronischen Produktkatalogs.
Die Angaben in dieser Fallstudien basieren auf folgenden Quellen: [Jela96] und [Citi97].
6.2.1 Hintergründe
Das in der vorliegenden Fallstudie vorgestellte "CitiusNet" wurde vom 1949 gegründeten, kleinen französischen Familienunternehmen "Brun Passot" mit Sitz in Lyon aufgebaut. Seit den 70er Jahren hat sich die Firma auf den zwischenbetrieblichen Vertrieb von Büromaterialien inklusive Computern spezialisiert. Bereits 1978 richtete "Brun Passot" die ersten elektronischen Verbindungen vom Zentrallager zu elf Aussenstellen ein. 1983 weitete die Firma ihre IT-Infrastruktur auf den zwischenbetrieblichen Bereich aus und nahm "Bureautel" in Betrieb, das erste "Minitel"-basierte elektronische Verkaufssystem in Frankreich. ("Minitel" ist eine seit 1983 verfügbare, nationale französische Videotext-Plattform). "Bureautel" erlaubte den angeschlossenen Unternehmen, elektronisch Bestellungen aufzugeben. 1985 wurden erste Versuche mit einfachen, PC-basierten EDI-Lösungen durchgeführt. Mit einem (damals) benutzerfreundlichen Interface konnten an das Netzwerk angeschlossene Unternehmen ihre Bestellungen nun über ihre PCs abwickeln. Ab 1989 war es möglich, zusätzlich auch Daten zu Produkten, zu deren momentanen Status etc. über EDI zu erhalten.
Obwohl die Kunden mit diesem System grundsätzlich zufrieden waren und sich über erhebliche Effizienzgewinne gegenüber der traditionellen, papierbasierten Zusammenarbeit mit "Brun Passot" freuten, zeichnete sich der grösste Nachteil des EDI-Systems ab: es ermöglichte nur die elektronische Verbindung mit einem einzigen Lieferanten ("Brun Passot") und war damit ein vollständig hierarchisches System.
Motivation und Ziele
Aus dieser Lage heraus setzten sich die Entwickler bei "Brun Passot" zum Ziel, die hierarchische Struktur des EDI-Systems abzubauen und so umzugestalten, dass mehrere Lieferanten und mehrere Käufer untereinander zwischenbetriebliche Beziehungen aufrecht erhalten können. Auch die Beschränkung auf den Handelssektor "Büromaterialien" sollte aufgegeben werden; die neue Plattform sollte ein zwischenbetrieblicher elektronischer Markt für verschiedene Branchen sein, eine "multi-sectoral telepurchasing application", die nahtlos mit bestehenden Geschäfts-Applikationen der angeschlossenen Unternehmen integriert werden kann [Jeal96, S. 6]. Zu diesem Zweck wurde Ende 1992 eine neue Gesellschaft, "CitiusNet", gegründet, die das bestehende, hierarchische EDI-System zu einem elektronischen Markt ausbauen sollte.
6.2.2 Systemfunktionalität und -architektur
Das "CitiusNet"-System besteht auf Anwenderseite aus drei (weitgehend eigenständigen) Teilen, die zusammen die Marktapplikation ausmachen (vgl. Abb. 6.1). "Citius" heisst das Hauptmodul, das für die Durchführung der eigentlichen EDI-Transaktionen zuständig ist. Mit der Komponente "Fortius" wurde der gesamte Bereich des Zahlungsverkehrs als logische Einheit ausgeklammert (u.a. auch, weil er erst später zum System dazukam). Das Modul "Altius" beinhaltet Funktionen rund um den Bereich der Generierung des elektronischen Produktkatalogs und der damit zusammenhängenden Aufgaben wie Datenkonvertierung, Dateneingabe, Updates etc.. "Altius", "Fortius" und "Citius" werden zusammen als "CitiusNet" bezeichnet. Dieses bildet als Intermediationsstruktur die elektronische Plattform (um das Wort "elektronischer Markt" zu vermeiden) zwischen Käufer (Abb. 6.1: "purchaser") und Verkäufer ("supplier").
Abb. 6.1: Überblick über die Beziehungen im "CitiusNet"-System [Jela96, Exhibit 2].
"CitiusNet"-Systemfunktionalität: Informationsphase
Für die Marktteilnehmer im Zentrum steht bei "CitiusNet" der elektronische Produktkatalog (EPC). Der EPC umfasst stets aktuelle (standardisierte) Produkt-Beschreibungen, bei Bedarf mit Diagrammen oder technischen Skizzen, Preise mit Angaben zu Konditionen etc. Aufgrund dieser Angaben im Produktkatalog fällt ein Käufer die Kaufentscheidung. Die Produktinformationen werden im "CitiusNet" mit der Marktapplikation "Citius" (siehe oben) vom zentralen Server des Marktsystems über das Netzwerk abgerufen und online dargestellt.
Entscheidet sich eine Firma zur Teilnahme an "CitiusNet", so wird mit dem Software-Modul "Altius" der EPC für die Firma sowie deren neue Stammdaten generiert. Spätere Updates des EPC können jederzeit durch die berechtigten Teilnehmer durchgeführt werden.
Bezüglich "Meta"-Informationsdiensten stellt "Citius" eine Datenbank mit Angaben zu den Verkäufern zur Verfügung. Weitere "Meta"-Informationsdienste werden in den Quellen nicht genannt; ebenfalls keine Aussagen werden zu den Suchdiensten gemacht, die die Marktapplikation bietet. Typischerweise werden Produkte in einem EPC jedoch über Browsing gesucht.
"CitiusNet"-Systemfunktionalität: Vereinbarungsphase
In "CitusNet" findet keine eigentliche Vereinbarungsphase statt. Es handelt sich um ein fixiertes System ("offer/accept"- oder "hit-and-take"-System), bei dem in einem elektronischen Produktkatalog alle potentiellen Verhandlungsparameter fest vorgegeben sind und die Vereinbarungsphase auf ein "ja" oder "nein" reduziert wird. Der Kaufentscheid wird durch den Marktteilnehmer selbst, also nicht durch ein IT-System, gefällt.
Durch die mittels des EPC gewährleistete hohe Markttransparenz ist zu vermuten, dass bei einer genügenden Anzahl Marktteilnehmer (siehe unten, kritische Masse) die Verkäufer annähernd Marktpreise setzen (vgl. Kapitel 6.2.3).
"CitiusNet"-Systemfunktionalität: Abwicklungsphase
Der zwischenbetriebliche Zahlungsverkehr ist eine zentrale Komponente im "CitiusNet"-System und wird über das Modul "Fortius" (Teil der Marktapplikation) per EFT ("Electronic Funds Transfer") abgewickelt. Die Abbildung 6.2 zeigt das Zusammenspiel der beiden Komponenten "Citius" und "Fortius", das zusammenfassend wie folgt abläuft: Nachdem ein Kaufauftrag über "Citius" abgeschickt ist (Abb. 6.2, Schritt 1), sendet der Verkäufer ("supplier"), ebenfalls über "Citius", eine entsprechende Bestätigung (2, 3) und die physische Lieferung der Güter erfolgt (4). Der Eingang der Güter bestätigt der Käufer mit einer entsprechenden Meldung über "Citius" (6). Nach Erhalt der Rechnung (5) sendet der Käufer via "Fortius" einen entsprechenden Zahlungsauftrag (7) an seine Bank. Die Bank ihrerseits übermittelt ein Avis (8) an den Verkäufer über die stattfindende Zahlung. Die eigentliche Zahlung findet über das Interbanken-Clearing zwischen den Banken des Käufers und Verkäufers statt (9, 10). Die erfolgte Abwicklung der Zahlungen wird danach den beiden Parteien bestätigt (11, 12).
Abb 6.2: Finanztransaktionen im "CitiusNet" [Jel96, Exhibit 6].
IT-Architektur
Auf Seiten der Marktteilnehmer werden sehr geringe Anforderungen hinsichtlich Hardware gestellt. Ein konventioneller PC reicht als Plattform für die Installation der bereits oben (Informationsphase) beschriebenen Marktapplikation. Die Marktapplikationen übernehmen die Rolle von Clients in der Client/Server-Architektur des "CitiusNet"-Systems. Sie sind mit den zentralen Servern über ein WAN verbunden. Verbindungen zum "CitiusNet"-Server sind sowohl über ISDN als auch über X.25 möglich. "CitiusNet" umfasst mittlerweile verschiedene Server, die regional verstreut und untereinander verbunden sind (vgl. Kapitel 6.2.3, Zukunft).
6.2.3. Diskussion
Bei "CitiusNet" handelt es sich grundsätzlich um
ein zwischenbetriebliches EDI-System. Untypischerweise war jedoch
das Ziel von "CitiusNet" nicht der Aufbau von
hierarchischen Produzent-Lieferanten-Beziehungen (1:n-Beziehung),
sondern die Entwicklung eines elektronischen Marktes
(n:m-Beziehung).
Anforderungen
Die folgende Tabelle 6.4 bietet eine Übersicht, wie die jeweiligen Anforderungen aus Kapitel 3 erfüllt bzw. in "CitiusNet" realisiert wurden.
| Anforderungen | Kurzbeschreibung: "CitiusNet" |
| Anforderungen an die instit. Umwelt | |
| Rolle Staat | Keine
Unterstützung beim Aufbau von "CitiusNet";
später Unterstützung durch EU |
| Rechtlicher Rahmen | keine Angaben; (Annahme: multilaterale Verträge) |
| Ökonomische Anforderungen | |
| Beschreibbarkeit | Güterklasse:
Materielle Realgüter; Heterogenität: hoch; Rationalität: eher hoch; Beschreibungsmittel: multimediale Formen |
| Kritische Masse | keine Angaben; jedoch zentral zur Erhaltung des Marktcharakters |
| Benutzer-Offenheit | Geschlossener EM; Registrierung; geringe finanzielle Eintrittsbarrieren |
| IT-Basis und Anforderungen | |
| Architektur | Client/Server-System |
| Basisnetze | WAN; X.25, ISDN |
| Netzdienste | EDI (EDIFACT und viele andere Standards); X.400 und andere OSI-Standards; |
| Schichtenübergreifende Anforderungen | |
| Offenheit, Standards, Integration | Datenaustausch basiert auf EDI-Standards; Integration von "Citius" mit Anwendungen der Marktteilnehmer; OSI-Standards |
| Sicherheit | keine
detaillierten Angaben, wird jedoch als "hoch"
angegeben; "sophisticated encryption/decryption techniques are used" [Jela96, S. 23] |
Tab. 6.4: Erfüllung der Anforderungen in "CitiusNet".
Als "normales" Privatunternehmen wurde der Aufbau von "CitiusNet" staatlich nicht unterstützt. Durch die Unterstützung des "CitiusNet" durch die (parastaatliche) EU seit Ende 1994 jedoch hat das System einen weiteren Aufschwung erlebt. Ebenfalls grosse Bedeutung für die Bekanntheit und die Vertrauenswürdigkeit wurde mit dem mit "France Telecom" 1995 eingegangenen Joint Venture erreicht. Bezüglich der rechtlichen Rahmenbedingungen werden keine Angaben gemacht. Angesichts der Vergangenheit als EDI-System kann jedoch vermutet werden, dass sich die Beziehungen in "CitiusNet" vorwiegend auf multilateralen Verträgen ("Interchange Agreements") zwischen den Marktpartnern abstützen.
Mit Blick auf die Kriterien der Beschreibbarkeit muss festgestellt werden, dass sich die gehandelten Güter nur beschränkt für den Handel über einen elektronischen Markt eignen. Da das "CitiusNet"-System offen ist für den Handel beinahe beliebiger Güter, herrscht ein hohes Mass an Heterogenität. Dies birgt die Gefahr, dass der Marktacharakter verloren geht, indem möglicherweise keine Vergleichsmöglichkeiten zwischen homogenen Gütern im System bestehen. Ob die kritische Masse zum effizienten Betrieb von "CitiusNet" erreicht wurde, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Erwähnt wird jedoch die Gefahr, dass bei zu geringen Teilnehmerzahlen die eigentliche "Marktidee" umgangen wird und stattdessen die früheren, hierarchischen EDI-Beziehungen nun über "CitiusNet" abgewickelt werden. Die Rolle von "CitiusNet" nähert sich in diesem Fall der eines konventionellen EDI-Providers. Wird die kritische Masse bezüglich vergleichbarer (homogener) Produkte und bezüglich Marktteilnehmern nicht erreicht, so kann bei "CitiusNet" nicht von einem elektronischen Markt gemäss der Definition in Kapitel 4.4.3 gesprochen werden.
Bezüglich "Offenheit" kann "CitiusNet" als ein geschlossenes System mit bekannten Teilnehmern bezeichnet werden Vor der Aufnahme ins System findet eine Registrierung statt. Eine Zutrittsbeschränkung wettbewerbsverzerrender Art ist nicht vorgesehen, Eintrittsgebühren zur Teilnahme am elektronischen Markt sowie Monatsgebühren üben eine ähnliche Funktion höchstens für sehr finanzschwache Unternehmen aus. Die Eintrittsgebühr ("einige Tausend" USD) ist abhängig von der Grösse des Unternehmens und des eingebrachten EPC, die Monatsgebühr wird nach der Anzahl an "CitiusNet" angeschlossenen Rechner berechnet (je 5 USD). Dazu kommen noch Gebühren von 1 USD für jede durchgeführte Transaktion. Den finanziellen Aufwendungen stehen, gemäss Aussagen von "CitiusNet", Kostenreduktionen von 20 - 80 Prozent gegenüber [Jela96, S. 13].
Bezüglich der IT-Basis wurde bereits die Entstehung von "CitiusNet" aus einem EDI-Netzwerk geschildert. Die technische Offenheit von "CitiusNet" wird mittels verschiedener Dienste, beispielsweise EDI-Format-Konversionen, sichergestellt. Alle beim elektronischen Handel notwendigen Dokumente werden über EDI transferiert. Über die Formate, die bei Transfer und Gestaltung (Bilder, Skizzen, freie Texte) des EPC verwendet werden, finden sich leider keine Angaben.
Das "CitiusNet"-VAN bzw. die Marktapplikationen basieren zudem auf verschiedenen OSI-Standards, die eine möglichst hohe Kompatibilität und somit technische Offenheit garantieren sollen. Dadurch wird die Integrierbarkeit von "CitiusNet" in die Applikationen der Marktteilnehmer erleichtert.
Grosse Bedeutung wird der Sicherheit beigemessen. Über konkrete Mechanismen werden, ausser dem Einsatz von "sophisticated encryption/decryption techniques", jedoch keine Aussagen gemacht [Jela96, S. 23]. Sicherheitsbedenken haben bis anhin die Nutzung der Internet-Plattform für "CitiusNet" verhindert.
Marktphasen-Unterstützung
Die folgende Tabelle 6.5 zeigt zusammenfassend, wie bzw. ob die einzelnen Dienste in den drei Marktphasen in "CALM" realisiert wurden (vgl. Kapitel 6.2.2).
| Marktphasen | Marktphasen-Unterstützung in "CitiusNet" |
| Informationsphase | |
| Suchdienst | keine Angaben |
| Produkte-Informationsdienst | Produktbeschreibung, Texte, Skizzen, Bilder |
| "Meta"-Informationsdienst | Verkäufer-Daten ("large supplier database") |
| Vereinbarungsphase | |
| Preismechanismus | nicht vorhanden: fixiertes System |
| Grad der Unterstützung | elektronische Unterstützung |
| Abwicklungsphase | |
| Logistiksysteme | alle Begleitdokumente (Lieferscheine, Bestätigungen etc.) werden über "Citius" (EDI) abgewickelt |
| Zahlungsverkehr | eigenes Modul "Fortius", vollständig integriertes EFT |
| Weitere Abwicklungsdienste | keine Angaben |
Tab. 6.5: Unterstützung der Marktphasen in "CitiusNet".
Über die Unterstützung der Informationsphase wurde bereits detailliert eingegangen. Vor allem der Produkte-Informationsdienst ist sehr ausführlich implementiert, was angesichts der hohen Heterogenität der gehandelten Güter auch ein unbedingtes Erfordnis ist.
Das Fehlen einer eigentlichen Vereinbarungsphase muss die Frage aufwerfen, ob "CitiusNet" überhaupt als elektronischer Markt bezeichnet werden kann. Gemäss der Definition in Kapitel 4.4.2 muss beim Fehlen der Vereinbarungsphase zumindest eine marktliche Situation ("marktlicher Kontext") vorhanden sein, beispielsweise in Form von Auswahlmöglichkeiten vergleichbarer Güter. Letzteres ist bei "CitiusNet" zwar vorgesehen, um die Bedingung zu erfüllen, muss jedoch eine genügend grosse Anzahl Teilnehmer am Netzwerk teilnehmen (siehe oben, Anforderungen).
Der Schwerpunkt von "CitiusNet" liegt eindeutig in der Abwicklungsphase - ein Hinweis auf dessen Entstehung aus einem reinen EDI-System. Sowohl die den physischen Güterstrom begleitende "Dokumentenlogistik" als auch der damit verbundene Zahlungsverkehr (über "Electronic Funds Transfer", EFT) ist in "CitiusNet" integriert. Die Zahlungsverkehrskomponente "Fortius" wird von den Betreibern des "CitiusNet" sogar als eine der zentralen Komponenten angesehen.
Auswirkungen
Die folgende Tabelle 6.6 zeigt zusammenfassend die Auswirkungen von "CitiusNet" auf Grundlage der in Kapitel 5 definierten Aspekte.
| Aspekte | Auswirkungen in "CitiusNet" |
| Unternehmensebene | |
| Disintermediation - Re-Intermediation | keine Disintermediation |
| Organisatorische Auswirkungen | Ablauforganisation:
Integration von "CitiusNet" in
Geschäftsabläufe notwendig (verschiedene
Integrationsgrade möglich) Aufbauorganisation: -- |
| Strategische Auswirkungen | Produktedifferenzierung:
erhöhte, überregionale Verfügbarkeit
Kostensenkungen: "Kostenreduktion 20-80%"; hohe "economies of scale" durch Ausweitung des Marktgebiets; Effizienzgewinne durch Reduktion des Einkaufszyklus etc. |
| Gesamtwirtschaftliche Ebene | |
| Globalisierung | "CitiusNet" ermöglicht ein "global sourcing" |
| Effizienz und Produktivität | keine Angaben |
Tab. 6.6: Auswirkungen des "CitiusNet"-Systems.
Durch den Aufbau des "CitiusNet" ist es der kleinen, französischen Firma "Brun Passot" gelungen, eine aktive Rolle als Intermediär zu übernehmen. Ein eigentliches Potential zur Disintermediation lag nicht vor, da vor der Realisation von "CitiusNet" keine intermediären Strukturen bestanden.
Die organisatorischen Auswirkungen betreffen vor allem die Integration des neuen Systems in die bestehenden Geschäftsprozesse der teilnehmenden Firmen. Es handelt sich dabei um die typischen Probleme, die auch bei der Einführung eines (hierarchischen) EDI-Systems anfallen (vgl. Kapitel 3.3.3). Verschiedene Stufen der organisatorischen Integration des "CitiusNet"-Systems sind möglich, grösstmögliche Effizienz-Vorteile ergeben sich für das einzelne Unternehmen jedoch oft nur im Zusammenhang mit einem vollständigen Neu-Design der involvierten Prozesse ("Business Process Redesign").
Bezüglich strategischer Auswirkungen werden vor allem Effizienzgewinne geltend gemacht. Beispielsweise wird eine Reduktion des Einkaufszyklus von mehreren Wochen zu einigen Stunden oder wenigen Tagen genannt. Durch die potentiell weltweite Verfügbarkeit des Angebots im "CitiusNet" können hohe "economies of scale" entstehen; diese sind jedoch wiederum abhängig von der Anzahl Marktteilnehmer (siehe oben, kritische Masse). Durch die überregionale Verfügbarkeit der Produkte wird ein weiterer strategischer Wettbewerbsvorteil geschaffen.
Mit der Ausdehnung von "CitiusNet" auf verschiedene Länder Europas (momentan Schweiz, Österreich, Benelux-Staaten, Italien, Grossbritannien, Deutschland) und die geplante Ausdehnung Richtung Asien und Amerika wird in naher Zukunft (theoretisch) ein "global sourcing", d.h. eine weltweite Beschaffung über "CitiusNet" möglich sein.
Zukunft
Wie bereits erwähnt verfolgt "CitiusNet" zur Zeit eine weltweite Expansionsstrategie. Technisch gesehen geschieht dies durch das Aufstellen und Verbinden von "Citius"-Servern in verschiedenen Ländern. Auf der organisatorischen Ebene geht "Citius" Partnerschaften in den einzelnen Ländern ein, die für die Entwicklung des "CitiusNet" in den jeweiligen Regionen verantwortlich zeichnen. Ziel von "CitiusNet" ist es, ein "worldwide enterprise" zu werden [Jela96, S. 21]. Nach eigenen Angaben will "CitiusNet" der Standard für elektronische Märkte im "Business-to-Business"-Bereich werden [Jela96, S. 22].
Unter anderem aus diesem Grund sind momentan Abklärungen im Gange, wie sich die Vorteile des Internets für "CitiusNet" nutzen liessen. Bedenken äussern die Betreiber von "CitiusNet" momentan vor allem bezüglich Sicherheits- und Geschwindigkeits-Aspekten [Jela96, S. 23].
6.3 Elektronische Börse Schweiz ("EBS")
Traditionelle Finanzbörsen werden oft als Beispiele beinahe optimaler Märkte in der Praxis genannt. Gleichzeitig sind Börsen ein Bereich, in dem schon früh elektronische Systeme Einzug hielten. Entstanden sind daraus weltweit verschiedene "elektronische Börsen", beispielsweise "CATS" ("Computerized Automated Trading System") der Börse in Toronto, die "DTB" (Deutsche Terminbörse), die "SOFFEX" ("Swiss Options and Financial Futures Exchange") oder die "EBS" (Elektronische Börse Schweiz) [Domo93,S. 32ff].
Erste Schritte zur Elektronifizierung der Finanzbörsen reichen zurück bis 1957, als die Firma "Quotron Inc." das erste Mal versuchte, Börsenkurse und weitere Finanzinformationen zeitgerecht über Netzwerke zu übertragen [Mars85, 285ff]. Ein erstes derartiges Börsen-System war "NASDAQ" ("National Association of Securities Dealers´ Automated Quotation System") in New York.
Heutige Aufgaben elektronischer Börsensysteme sind enorm vielfältig. Während sich frühe Börsensysteme noch vorwiegend auf einzelne Marktphasen (vor allem Informationsphase) konzentriert haben, unterstützen heutige elektronische Börsensysteme alle Marktphasen im Sinne der engen Definition elektronischer Märkte.
In dieser Fallstudie soll auf ein konkretes Beispiel einer elektronischen Börse eingegangen werden, die "EBS" (Elektronische Börse Schweiz).
Die Ausführungen zu dieser Fallstudie basieren, sofern nicht anders erwähnt, auf folgenden Quellen: [SWX96a], [SWX96b], [SWX96c], [SWX97].
6.3.1 Hintergründe
Noch bis 1991 existierten in der Schweiz mehrere regionaler Wertpapierbörsen (Bern, Lausanne, Neuenburg, St. Gallen, Genf, Basel, Zürich). Mit dem Fortschritt der Kommunikationstechnologie sowie der allgemeinen Globalisierung der Finanzmärkte verlangte der Markt eine Straffung dieser dezentralen Börsenorganisation. Änderungen auf verschiedenen Ebenen, unter anderem die Konzentration auf die drei Börsenplätze Genf, Basel und Zürich, waren die Folge. 1993 erfolgte ebenfalls unter diesem Aspekt der Erhaltung der Stellung auf den internationalen Finanzmärkten die Gründung der "Schweizer Börse" ("SWX", "Swiss Exchange") als Dachorganisation und Gemeinschaftswerk der drei verbliebenen Schweizer Börsen. Die "SWX" ist eine private Organisation mit dem rechtlichen Status eines Vereins. Die "SWX" beschloss, die Börsen von Genf und Basel aufzulösen und den Handel auf den Zürcher Ring zu konzentrieren sowie, in einem zweiten Schritt, ein integriertes, elektronisches Börsensystem, das alle Börsenprozesse unterstützt, zu realisieren. Unter das organisatorische Dach der "SWX" wurde auch die "SOFFEX", das bestehende elektronische System für den Optionenhandel, gestellt.
Traditioneller Handelsablauf
Beim ehemaligen Ringhandel an der Zürcher Börse kamen Broker zu dem für ein Wertpapier zugewiesenen Ring, wo der Ringhändler den Handel für das gewünschte Wertpapier durch Ausrufen dessen Namens eröffnete [Whit85, S. 244f]. Interessierte Händler riefen dann Kauf- und Verkaufspreise ("Bids" und "Asks") und definierten so die Marktpreise bzw. die Aktienkurse. Dieses Verfahren entspricht dem Preismechanismus einer zweiseitigen Auktion (Kapitel 4.2.4). Die Aufträge zum Handel erhielten die Broker üblicherweise von ihren Auftraggebern, den Banken oder Effekten-Handelshäusern. Sowohl Informationsphase als auch Abwicklungsphase waren grösstenteils bereits mit verschiedenen Teilsystemen elektronisch unterstützt.
Motivation und Ziele
Als Hauptziel der "EBS" nannte Bundesrat Kaspar Villiger im Rahmen der Eröffnungsansprache zur Eröffnung der "EBS" die offensive Reaktion auf die Deregulierung der Finanzmärkte [SWX96a, S. 16]. Grundsätzlich sollte mit der Realisation eines modernen und effizienten elektronischen Börsensystems die internationale Konkurrenzfähigkeit des Finanzplatzes Schweiz gesichert und ausgebaut werden.
Aus der Sicht elektronischer Märkte bestand das Hauptziel darin, die Vereinbarungsphase des Börsenhandels geeignet elektronisch zu unterstützen bzw. zu automatisieren sowie mit den bereits vorhandenen, heterogenen Teilsystemen der Informations- und Abwicklungsphase zu einem transparenten Gesamtsystem zu integrieren.
6.3.2 Systemfunktionalität und -architektur
Der Ringhandel an der Börse in Zürich wurde im August 1996 mit dem Einsatz des "EBS"-Systems aufgehoben. Zusammenfassend handelt es sich bei der "EBS" um ein elektronisches Börsensystem, das es den Händlern erlaubt, Wertpapiere von ihren entfernten Arbeitsplätzen aus zu handeln. Dazu benutzen sie als Marktapplikation das "Händlersystem", das den Zugriff auf das "Börsensystem" (entspricht Marktsystem) erlaubt (siehe unten).
Im folgenden wird die Unterstützung der einzelnen Marktphasen im "EBS"-System sowie die zugrundeliegende IT-Architektur beschrieben.
"EBS"-Systemfunktionalität: Informationsphase
Der Informationsphase kommt in elektronischen Börsensystemen zentrale Bedeutung zu. Die ausführliche, zeitgerechte Information über die gehandelten Produkte, also die verschiedenen Wertpapiere, ist die Voraussetzung, um die Transparenz und damit die Fairness auf dem Markt sicherzustellen [SWX96b, S. 30].
Im Zentrum des Produkte-Informationsdienstes stehen dabei die von der Börse selbst generierten Informationen wie aktuelle Kurse mit Handelsvolumen, Höchstkurse, Tiefstkurse, Indexwerte etc. Diese täglich ca. 200'000 Daten werden über das System des "Swiss Market Feeds" (SMF) während der Handelszeiten sofort und laufend ("realtime") an Informationsvermittler verteilt. Die Informationsvermittler führen die Datenströmen mit Daten aus anderen Quellen zusammen, bereiten sie auf und erstellen so den Kundenbedürfnissen, also den Börsenteilnehmern, entsprechende "Informationspakete". Im Fall der "EBS" ist die "Telekurs AG" einziger zugelassener Informationsvermittler.
Zu den "Meta"-Informationen zählen ebenfalls über Informationsanbieter erhältliche Zusatzinformationen wie Statistiken, historische Daten, Register der Mitglieder, Daten ausländischer Börsen, verschiedene Indices, Marktkommentare und allgemeine Wirtschaftsnachrichten. Die Vermittlung dieser Informationen ist nur zum Teil in das elektronische Börsensystem integriert, teilweise sind sie ausserhalb des elektronischen Systems erhältlich (Fernsehen, Zeitung, persönliche Gespräche etc.).
"EBS"-Systemfunktionalität: Vereinbarungsphase
Die Vereinbarungsphase ist im "EBS"-System vollständig automatisiert und mit der vorgelagerten Informations- und der nachgelagerten Abwicklungsphase integriert. Der Preisfindungsmechanismus der Vereinbarungsphase ist als automatisches Matching-System gestaltet (Kapitel 4.2.5). Im elektronischen Auftragsbuch eingegebene Aufträge werden automatisch gemäss den von den Händlern spezifizierten Parametern (z. B. Preis bei "limit orders") ausgeführt und zwar gemäss den im Börsensystem implementieren Matching-Regeln. Im Falle der "EBS" ist dies, stark vereinfacht ausgedrückt, die Preis-Zeit-Priorität sowie die Regel, Bestens-Aufträge vor Aufträgen mit Limiten abzuarbeiten. (Die genauen Spezifikationen zu den Matching-Regeln im "EBS"-System finden sich in der Publikation "Matching Rules" der Schweizer Börse [SWX96c]).
Während des elektronischen Handels im "EBS"-System werden verschiedene Phasen mit zum Teil unterschiedlichen Matching-Regeln unterschieden [SWX96b, S. 16f]:
Voreröffnung: Eingabe und Löschen von Aufträgen im zentralen Auftragsbuch möglich, jedoch findet kein Abschluss statt. Der theoretische erzielte Eröffnungspreis wird laufend berechnet.
Eröffnung: Abarbeitung möglichst vieler Aufträge aus der Voreröffnungs-Phase nach speziellen Matching-Regeln. Eröffnungspreis entsteht als erster Preis/Kurs des Handelstages.
Laufender Handel: Aufträge werden fortlaufend gemäss den Matching-Regeln gegen das Auftragsbuch ausgeführt oder entsprechend ihres Preises und ihrer Ankunftszeit aufgenommen.
Pausen: Unterbruch des Handels in bestimmten Situationen (zu hohe Kursschwankungen, Unregelmässigkeiten, u.ä.).
Das "EBS"-System unterstützt auch den ausserbörslichen Handel. Durch ein "statement of interest" kann ein Mitglied unverbindlich die Bereitschaft zum Handel in bestimmten Titeln anzeigen, um einen Handelspartner zu finden. Möglich sind ausserdem verbindliche Angebote an bestimmte Partner, sogenannte "address offers". Kommt ein Handel auf diesem Weg zustande, erfolgt die weitere Ausführung analog zum normalen Trading (siehe Abwicklungsphase).
"EBS"-Systemfunktionalität: Abwicklungsphase
Im "EBS"-System sind Vereinbarungs- und Abwicklungsphase vollständig miteinander integriert worden. Alle Handelsabschlüsse ("confirmed trades") werden direkt an die SEGA (Schweizerische Effekten-Giro AG), bzw. die Intersettle für internationale Aufträge, weitergeleitet. Diese übernehmen das Clearing der Wertpapiere. Die SEGA als Clearingstelle ist mit dem "Swiss Interbank Clearing"-System (SIC) verbunden und übernimmt den gesamten beim Handel entstehenden Zahlungsverkehr [Matc97, S. 7].
Unter das Stichwort "Weitere Abwicklungsdienste" fällt das automatische Reporting zuhanden der Aufsichtsbehörden. Jede Transaktion wird aufgezeichnet und ermöglicht somit eine lückenhafte Rückverfolgung der Aktivitäten durch die Kontrollorgane. Ein lückenloses Reporting ist gesetzliche Pflicht für alle getätigten Abschlüsse.
IT-Architektur
Die Abbildung 6.3 zeigt einen Überblick über die IT-Architektur des "EBS"-Systems.
Abbildung 6.3 fehlt momentan
Abb. 6.3: Systemüberblick "EBS" [Lang94, S. 57].
Das "EBS"-System basiert auf einer Client/Server-Architektur. Die Clients sind bei den Händlern installiert und werden als "Händlersystem" bezeichnet. Das zentrale Marktsystem (Server) wird als "Börsensystem" bezeichnet und umfasst mehrere Zentralrechner, auf denen die eigentlichen Markttransaktionen ausgeführt werden. Die Zentralrechner sind über ein leistungsfähiges Netz ("backbone") untereinander zu einem System verbunden. Dieses System ist mittels eines WAN auf TCP/IP-Basis, dem "bourseNET", mit den Netzwerken der Mitglieder verbunden. Wie aus der Abbildung 6.3 zu entnehmen ist, umfasst das "EBS"-Börsensystem auch das Netzwerk sowie die Gateways zu den Händlersystemen. Gateways sind Rechner, die die Verbindung vom Börsensystem zu den Händlersystemen sicherstellen. Sie ermöglichen eine klare Abgrenzung der beiden Systeme.
6.3.3. Diskussion
Die "EBS" nahm ihren Betrieb nach einigen Schwierigkeiten und Verzögerungen im August 1996 auf. Seither funktioniert das System ohne grössere Zwischenfälle. Die folgenden Ausführungen betrachten die "EBS" unter den im theoretischen Teil dieser Arbeit ausgeführten Aspekten Anforderungen, Marktphasen und Auswirkungen elektronischer Märkte.
Anforderungen
Die folgende Tabelle 6.7 bietet eine Übersicht, inwieweit die in Kapitel 3 definierten Anforderungen an elektronische Märkte im "EBS"-System realisiert wurden:
| Anforderungen | Kurzbeschreibung: "EBS" |
| Institutionelle Umwelt | |
| Rolle Staat | Oberaufsicht über Börse; Kontrolle und Regulierung der Tätigkeit (Bankenkommission, vom Bundesrat gewählt) |
| Rechtlicher Rahmen | Börsengesetz; Kotierungsreglement u.a. |
| Ökonomische Anforderungen | |
| Beschreibbarkeit | Güterklasse:
Nominalgüter; Heterogenität: homogene Güter; Rationalität: sehr hoch; Beschreibungsmittel: standardisierte Beschreibungssprache (Aktienakronyme, Währungssymbole etc.) |
| Kritische Masse | grösster Teil des Marktes abgedeckt; "EBS" ist einziger Markt für die meisten CH-Wertpapiere |
| Benutzer-Offenheit | Stark geschlossener Markt; gesetzlich bestimmte, strenge Aufnahmebedingungen für Marktteilnehmer (sowie auch für gehandelte Produkte) |
| IT-Basis und Anforderungen | |
| Architektur | Client/Server-Architektur |
| Basisnetze | "bourseNET" (WAN); TCP/IP |
| Netzdienste | keine Angaben |
| Schichtenübergreifende Anforderungen | |
| Offenheit, Standards, Integration | keine Angaben; jedoch Bezeichnung der "EBS" als "offenes System"; leichte Integration der Händlersysteme mit bankinternen Applikationen |
| Sicherheit | Redundanz; "Kerberos"-System; Passwörter; Verschlüsselung |
Tab. 6.7: Erfüllung der Anforderungen im "EBS"-System.
Die Rolle des Staats hat bei Börsen allgemein vor allem regulierenden und kontrollierenden Charakter. Als oberstes Kontrollorgan fungiert in der Schweiz die vom Bundesrat gewählte Eidgenössische Bankenkommission. Ihre Tätigkeit stützt sich auf das Bundesgesetz über Börsen und Effektenhandel (BEHG, "Börsengesetz"), das seit dem 1. Februar1997 in Kraft ist. Weitere gesetzliche Grundlagen betreffen beispielsweise die Kotierung von Wertpapieren (Kotierungsreglement, revidierte Fassung von 1. 10.1996).
Bezüglich den Anforderungen der Beschreibbarkeit handelt es sich beim Nominalgut "Wertpapier" um einen Idealfall (vgl. Kapitel 3.2): Wertpapiere sind sehr homogene Güter, besitzen eine hohe Rationalität und können relativ einfach mit einer standardisierten Sprache (Aktienakronyme, Währungssymbole etc.) beschrieben werden.
Die kritische Masse zum Betrieb der "EBS" war von Anfang an erreicht. Nach der Auflösung der Regionalbörsen und später der Börsen von Basel und Genf geniesst die "EBS" heute eine Art Monopolstellung als Marktplatz für Schweizer Wertpapiere: Über sie wird weitaus der grösste Teil aller Schweizer Wertpapiere gehandelt.
Börsen sind allgemein stark regulierte und kontrollierte Märkte. Dies bezieht sich auch auf das Merkmal der Benutzer-Offenheit: Die "EBS" ist ein geschlossener Markt, Marktteilnehmer ("Effektenhändler") bedürfen einer Bewilligung der Aufsichtsbehörde (Art. 10 BEHG). Gleiches gilt für die gehandelten Produkte: diese müssen die im Kotierungsreglement genannten Bedingungen erfüllen, bevor sie zum Börsenhandel zugelassen werden. Diese strengen Aufnahmebedingungen sollen einen fairen Markt garantieren.
Bei der technischen Basis des "EBS"-Systems handelt es sich um eine Client/Server-Architektur, deren Komponenten, wie bereits im vorhergehenden Kapitel dargestellt, über ein WAN ("bourseNET") verbunden sind.
Das "EBS"-System wird als "flexibel und modular" bezeichnet, so dass es einerseits leicht erweiterbar ist, andererseits auch leicht in die bankinternen Applikationen der Mitglieder integriert werden kann [SWX96b, S. 26]. Gateway-Rechner trennen die Händlersysteme vom zentralen Börsensystem technisch und organisatorisch.
Aussagen bezüglich der Einhaltung von Standards werden keine gemacht. Die gute Integrationsfähigkeit der Händlersysteme in die Bankapplikationen lassen jedoch die Berücksichtigung von anerkannten Industriestandards vermuten.
An das gesamte Börsensystem werden hohe Anforderung im
Hinblick auf Systemleistung, Verfügbarkeit und insbesondere
Sicherheit gestellt. Für die Systemleistung sowie die
Verfügbarkeit zentral ist der Verbund mehrerer Zentralrechner im
Börsensystem. Für jederzeitige Verfügbarkeit kann bei
Problemen während des Betriebs auf ein zweites, gleiches System
umgestiegen werden (Redundanz); auch die relevanten
Kommunikationsnetzwerke sind alle redundant (doppelt) geführt.
Für die Sicherheit des Gesamtsystems - eine der zentralen
Anforderungen - sind umfassende Mechanismen implementiert.
Systematische und auch automatische Überwachung aller
Komponenten sollen ein Fehlverhalten des Systems jederzeit
erkennen lassen. Zur Authentifizierung der Marktteilnehmer wird
auf das "Kerberos"-Modell zurückgegriffen. Jedes
Mitglied weist sich durch ein verschlüsseltes Ticket aus, das
vom System überprüft wird. Bei Korrektheit des Tickets erfolgt
eine Zulassung zum Börsensystem durch die entsprechende Vergabe
eines Schlüssels [Lang94,S. 59].
Marktphasen-Unterstützung
Die folgende Tabelle 6.8 zeigt zusammenfassend, wie bzw. ob die einzelnen Dienste in den drei Marktphasen im "EBS"-System realisiert wurden (vgl. Kapitel 6.3.2).
| Marktphasen | Marktphasen-Unterstützung im "EBS"-System |
| Informationsphase | |
| Suchdienst | keine Angaben |
| Produkte-Informationsdienst | Daten des SMF, bzw. der Telekurs AG: Stammdaten der Wertpapiere, aktuelle Kurse, Höchst-, Tiefkurse etc. |
| "Meta"-Informationsdienst | Statistiken, historische Daten, Register der Mitglieder, Daten ausländischer Börsen, Indices, Marktkommentare, Wirtschaftsnachrichten etc. |
| Vereinbarungsphase | |
| Preismechanismus | automatisches Matching-System |
| Grad der Unterstützung | vollständig automatisierte Vereinbarungsphase |
| Abwicklungsphase | |
| Logistiksysteme | Übertragung der Rechte an Wertpapieren auf neuen Besitzer; keine physischen Transporte von Wertpapieren |
| Zahlungsverkehr | Nutzung vorhandener Infrastrukturen (SIC); automatisiert und in das Börsensystem integriert |
| Weitere Abwicklungsdienste | automatisches Reporting |
Tab. 6.8: Marktphasen-Unterstützung im "EBS"-System.
Das Realisation des "EBS"-Systems konzentrierte sich schwerpunktmässig auf die Vereinbarungsphase. Sowohl die Informationsphase als auch die Abwicklungsphase waren bereits vor Einführung der "EBS" mit verschiedenen Teilsystemen elektronisch unterstützt bzw. automatisiert (vgl. obenstehende Ausführungen, Kapitel 6.3.2). Im neuen System galt es, die grösstenteils bereits bestehende Informations- und Abwicklungsphase mit der neu implementierten Vereinbarungsphase zu integrieren und zu einem transparenten Gesamtsystem zu verschmelzen.
Auswirkungen
Die folgende Tabelle 6.9 zeigt zusammenfassend die Auswirkungen des "EBS"-Systems auf Grundlage der in Kapitel 5 definierten Aspekte.
| Aspekte | Auswirkungen in der "EBS" |
| Unternehmensebene | |
| Disintermediation
- Re-Intermediation |
Disintermediation:
Wegfall des Rings und der Teilnehmer (Broker,
Ringhändler etc.) Re-Intermediation: "EBS" anstelle des Rings; neue Rollen der Teilnehmer |
| Organisatorische Auswirkungen | Ablauforganisation:
Neugestaltung Geschäftsabläufe innerhalb
der Banken Aufbauorganisation: Neuorganisation und Neustrukturierung des CH-Börsenwesens (Auflösung Börsen von Basel, Genf, Gründung der SWX, etc.) |
| Strategische Auswirkungen | Erhaltung der
internat. Konkurrenzfähigkeit; (Technische)
Voraussetzungen für globale elektronische Börse
schaffen Kostensenkungen: sehr gross |
| Gesamtwirtsch. Ebene | |
| Globalisierung | "EBS" ermöglicht weltweite strategische Allianzen und Realisierung internationale Börsensysteme (CBOE, DTB) |
| Effizienz und Produktivität | stark
gestiegene Transparenz und höhere Liquidität (da nur
noch 1 CH-Börse); höhere Effizienz (Wegfall "Bid-Ask-Spread und weiterer Transaktionskosten) |
Tab. 6.9: Auswirkungen des "EBS"-Systems.
Auf der Unternehmensebene ist die auffälligste Auswirkung des elektronischen Börsensystems die grundlegende Wandlung der Schweizer Börsenlandschaft (Auflösung der Börsen Basel und Genf, Gründung der "SWX" als Dachorganisation, Neuorganisationen etc.), wie sie bereits einleitend in Kapitel 6.1.1 dargestellt wurde. (Für diese Veränderungen war jedoch die geplante "EBS" nicht alleiniger Auslöser).
Die Disintermediation betraf vor allem die im Ring tätigen Händler und Broker. Es ist anzunehmen, dass der grösste Teil weiterhin an der "EBS" tätig ist, eventuell in "neuen Rollen" als "Bildschirm-Händler". Anstelle der physischen Börsenstruktur ("Börsenring") trat als intermediäre Struktur das "EBS"-System.
Die Erhaltung der internationalen Konkurrenzfähigkeit als Finanzplatz kann sowohl als Ziel bei der Realisierung der "EBS" als auch im Rückblick als strategische Auswirkung gesehen werden. Die internationale Konkurrenzfähigkeit soll dabei durch weitere Schritte zusätzlich erhöht werden: Mit der Entwicklung der "EBS" wurden die technischen Grundlagen geschaffen, um über die Landesgrenzen hinaus weitere elektronische Börsen zu integrieren und so potentiell "globale" elektronische Börsen zu entwickeln. Mit diesen Absichten unterzeichnete 1996 die Schweizer Börse eine strategische Allianz mit der "Chicago Board Options Exchange" (CBOE) sowie mit der Deutschen Börse AG. Neben der allgemeinen technischen Zusammenarbeit sollen beispielsweise. die beiden Handelssysteme der SOFFEX und der Deutschen Terminbörse (DTB) per Mitte 1998 zu einem System "Eurex" integriert werden und so den "Mitgliedern eine kostengünstige Teilnahme an den beiden Terminmärkten ermöglichen" [Eure97]. Ergänzt wird die grenzüberschreitende Zusammenarbeit durch eine Kooperation mit der Börse in Paris [Matc97, S. 9]. Für alle diese grenzüberschreitenden Projekte bilden die technischen Börsen-Systeme die Grundlage.
Das "EBS"-System bietet seinen Mitgliedern völlig Markttransparenz. Die Teilnehmer haben vollständige Einsicht in alle Aktivitäten des Handels sowie in das Auftragsbuch. Preisbildungsmechanismen sind somit vollständig nachvollziehbar. Auch bezüglich der Informationsverteilung existiert keine Bevorzugung einzelne Marktteilnehmer. Einen wesentlichen Beitrag leistet dazu der "Swiss Market Feed" (SMF) sowie die neu eingeführte Reporting-Pflicht für alle Abschlüsse, die über die Schweizer Börse getätigt werden. Effizienzsteigerungen basieren einerseits auf allgemeinen Effizienzgewinnen dank des IT-Einsatzes (allgemein tiefere Transaktionskosten), andererseits aber auch aus den Auswirkungen der Disintermediation. Zu den letzteren ist beispielsweise der Wegfall des "Bid-Ask-Spreads" zu zählen, der in der "EBS" im Gegensatz zum früheren Ringhandel (Dealersystem) nicht mehr anfällt.
Zukunft
Für die nähere Zukunft der "EBS" ist insbesondere eine Integration des "SOFFEX"-Systems
in das "EBS"-System vorgesehen. Auf dieses Vorhaben wurde bereits bei der Planung der "EBS" Rücksicht genommen. Weiters sieht die "SWX" die Zukunft des Börsenplatzes Schweiz als Teil eines globalen Marktplatzes. Wie bereits erwähnt, wurde mit der "CBOE" eine strategische Allianz gegründet, die insbesondere auch auf die technische Ebene ausgerichtet ist. Ebenfalls zukunftsweisend ist das Projekt "Eurex", das eine neue gemeinsame Handels- und Clearingplattform der "DTB" und der "SOFFEX" werden soll sowie die geplante Kooperation in verschiedenen Bereich mit der Börse in Paris [SWX97; Matc97, S. 9].
6.4 Vergleich der Fallstudien
Bei der Auswahl der drei vorgestellten Fallstudien wurde bewusst darauf geachtet, drei möglichst unterschiedliche elektronische Marktsysteme im "Business-to-Business"-Bereich vorzustellen. Damit kann einerseits teilweise das breite Spektrum der Möglichkeiten elektronischer Märkte berücksichtigt werden, andererseits jedoch wird durch diese Unterschiedlichkeit ein Vergleich der drei elektronischen Märkte erschwert.
Der Gegenüberstellung der drei Marktsysteme in diesem Kapitel konzentriert sich darauf, die wesentlichen Differenzen und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Dazu werden die bereits in den einzelnen Fallstudien (Kapitel 6.1 - 6.3) erarbeiteten Tabellen hinsichtlich Anforderungen, Marktphasenunterstützung und Auswirkungen der jeweiligen Systeme gegenübergestellt. Ausserdem werden die drei Systeme anhand der im Theorieteil definierten Auslegeordnung elektronischer Märkte (Kapitel 4.4) eingeordnet und der Frage nachgegangen, inwieweit sie jeweils die Kriterien eines elektronischen Marktes erfüllen.
Anforderungen
Die Tabelle 6.10 (Seite 108) fasst die Realisierung der Anforderungen in den drei Fallstudien vergleichend zusammen.
Der Staat hatte in allen drei Fällen Bedeutung, jedoch in einer unterschiedlichen Rolle. Beim "CALM"-System wirkte er unterstützend, im "CitiusNet" nahm er vorerst keinen Einfluss und bei der "EBS" wirkte er als übergeordnete regulatorische und gesetzgeberische Institution.
Weitere Auffälligkeiten bei einem Vergleich der drei Fallbeispiele ergeben sich bei den Anforderungen an die Beschreibbarkeit. Die gehandelten Güter unterscheiden sich sowohl bezüglich Güterklasse als auch Heterogenität, der Grad an Rationalität ist jedoch in allen Fällen als hoch einzustufen. Als theoretisch ungeeignet für einen Handel in einem elektronischen Markt müssen die Produkte in "CitiusNet" klassifiziert werden. Ein elektronisch unterstützter Handel der heterogenen Realgüter wird dank der multimedialen Repräsentation ermöglicht; eine Automatisierung ist jedoch nur sehr schwer realisierbar.
Die Anforderungen hinsichtlich der kritischen Masse sind sowohl im "CALM"-System als auch in "CitiusNet" erfüllt. In beiden Fallstudien wird in Quellen die Gefahr genannt, dass bei ungenügend grosser Teilnehmerzahl der Marktkontext gefährdet sei und hierarchische Beziehungen entstehen können [Clar93, S. 68; Jela96].
Gemeinsamkeiten ergeben sich auch bezüglich der Benutzer-Offenheit. Alle drei Systeme sind geschlossene Märkte, die Teilnehmer sind registriert und im System der zentralen Autorität bekannt.
Auf der technischen Ebene kann als gemeinsames Merkmal in allen drei Systemen grundsätzlich eine Client/Server-Architektur festgestellt werden. Auch allen drei Systemen gemeinsam ist das Vertrauen auf "bewährte" Technologien und Komponenten (X.25-Netze, VT100-Terminals, EDI etc.). Der Einsatz des Internets als grundlegendes Netzwerk und darauf basierender Dienste steht entweder nicht zur Diskussion ("EBS", "CALM") oder wird aus Überlegungen zur Sicherheit und Verfügbarkeit sehr vorsichtig beurteilt ("CitiusNet").
| Anforderungen | "CALM" | "CitiusNet" | "EBS" |
| Anforderungen an die instit. Umwelt | |||
| Rolle Staat | Auftraggeber (AMLC) ist halbstaatliche Organisation; Unterstützung durch einen Minister inkl. Departement | Keine
Unterstützung beim Aufbau von "CitiusNet";
später Unterstützung durch EU |
Oberaufsicht über Börse; Kontrolle und Regulierung der Tätigkeit (Bankenkommission, vom Bundesrat gewählt) |
| Rechtlicher Rahmen | keine Angaben | keine Angaben; Annahme: multilaterale Verträge | Börsengesetz; Kotierungsreglement u.a. |
| Ökonomische Anforderungen | |||
| Beschreibbarkeit | Güterklasse:
materielle Realgüter; Heterogenität: mittel Rationalität: eher hoch; Beschr.smittel: standardisierte Sprache ("AUS-MEAT"-Language) |
Güterklasse:
materielle Realgüter; Heterogenität: hoch; Rationalität: eher hoch; Beschreibungsmittel: multimediale Formen |
Güterklasse:
Nominalgüter; Heterogenität: tief (homogene Güter); Rationalität: sehr hoch; Beschr.smittel: standardisierte Beschreibungssprache (Aktienakronyme, Währungssymbole etc.) |
| Kritische Masse | seit System-Start erreicht; trotzdem geringer Gesamtmarktanteil (unter 10%) | keine Angaben; jedoch zentral zur Erhaltung des Marktcharakters | klar erreicht; grösster Teil des Marktes abgedeckt; "EBS" ist der einzige Markt für die meisten CH-Wertpapiere |
| Benutzer-Offenheit | Geschlossener EM; keine marktverzerrenden Eintrittsbarrieren (Registrierung gratis) | Geschlossener EM; Registrierung; geringe finanzielle Eintrittsbarrieren | Stark geschlossener Markt; gesetzlich bestimmte, strenge Aufnahmebedingungen für Marktteilnehmer (sowie auch für gehandelte Produkte) |
| IT-Basis und Anforderungen | |||
| Architektur | Client/Server- Architektur | Client-Server- Architektur | Client/Server-Architektur |
| Basisnetze | X.25; WAN | WAN; X.25, ISDN | "bourseNET" (WAN); TCP/IP |
| Netzdienste | VT-Terminal bzw. Terminal-Emulationssoftware für PC | EDI (EDIFACT und viele andere Standards); X.400 und andere OSI-Standards; | keine Angaben |
| Schichtenübergreifende Anforderungen | |||
| Offenheit, Standards | Stark proprietäres System (bzgl. Software, verwendete Beschreibungssprache) | Datenaustausch
basiert auf EDI-Standards; Integration von "Citius" mit Anwendungen der Marktteilnehmer; OSI-Standards |
keine Angaben; jedoch Bezeichnung der "EBS" als "offenes System"; leichte Integration der Händlersysteme mit bankinternen Applikationen |
| Sicherheit | keine Angaben | keine detaillierten Angaben, wird jedoch als "hoch" angegeben; "sophisticated encryption/decryption techniques are used" | Redundanz; "Kerberos"-System; Passwörter; Verschlüsselung |
Tab. 6.10: Vergleich der Anforderungen in den Fallstudien.
Marktphasen-Unterstützung
Der Vergleich der Marktphasen-Unterstützung (Tabelle 6.11) soll es unter anderem ermöglichen, eine Einteilung der drei Systeme gemäss der Auslegeordnung aus Kapitel 4.4.2 vorzunehmen sowie Schwerpunkte in der unterschiedlichen Unterstützung der drei Marktphasen zu erkennen.
Von besonderem Interesse ist dabei die Vereinbarungsphase. Wie in Kapitel 4.4.1 und 4.4.2 dargestellt, bestimmt die Gestaltung des Preisfindungsmechanismus in dieser Phase die Einordnung des elektronischen Marktsystems in die Auslegeordnung. Für die analysierten drei Fallstudien ergibt sich folgende Zuteilung:
Weiters interssiert hinsichtlich der Marktphasen-Unterstützung, ob die drei Systeme überhaupt als elektronische Märkte im Sinne der Definition bezeichnet werden können. Gestützt auf die anfängliche enge Definition elektronischer Märkte (Kapitel 2.3.1), die die elektronische Unterstützung aller Marktphasen verlangt, kann das "CALM"-System nicht als elektronischer Markt bezeichnet werden, da die Integration bzw. Unterstützung der Abwicklungsphase fehlt.
Gemäss der für diese Arbeit geltenden Definition elektronischer Märkte (Kapitel 4.4.3) wird der Fokus auf die Vereinbarungsphase konzentriert. Diese muss "marktmässig" organisiert sein und elektronisch unterstützt sein. Im "CALM"-System ist dies mit der Implementierung einer elektronischen Auktion der Fall. Die "EBS" verfügt ebenfalls über einen marktlichen Koordinationsmechanismus, ein Matching-System. Ein Grenzfall eines elektronischen Marktes gemäss Definition ist das "CitiusNet", ein fixiertes System. Ist die Vereinbarungsphase bzw. der Preisfindungsmechanismus fixiert, so muss, damit Marktmechanismen spielen können, zumindest eine Auswahlmöglichkeit innerhalb des gleichen elektronischen Marktsystems gegeben sein. Diese Bedingung wird in "CitiusNet" zweifelsohne unterstützt; sie ist sogar erklärtes Ziel der Betreiber. Es stellt sich jedoch die Frage, ob in "CitiusNet" die Auswahlmöglichkeit vergleichbarer Güter tatsächlich genügend gross ist, damit dadurch Marktmechanismen spielen können. Dies wiederum ist ein Aspekt der kritischen Masse (Kapitel 3.3.2). Erschwert wird die Schaffung eines "marktlichen Kontexts" zudem durch die hohe Heterogenität der gehandelten Güter bzw. durch die dadurch erschwerte Vergleichbarkeit.
Die drei vorgestellten Systeme unterscheiden sich auch bezüglich der in verschiedenen Marktphasen gesetzten Schwerpunkte. Im "CALM"-System steht eindeutig die Vereinbarungsphase, d.h. die Auktion, im Mittelpunkt. Hauptzweck von "CALM" ist die optimale Allokation und damit implizit das Finden eines optimalen Marktpreises über die Auktion.
Die Konzentration im "CitiusNet" liegt im Kontrast dazu auf der Informations- und der Abwicklungsphase. Die Benutzer von "CitiusNet" benutzen das System nicht, um einen optimalen Preis zu finden, sondern, um Angebote zu lokalisieren und diese mit möglichst geringen Transaktionskosten zu bestellen. "CitiusNet" kann deshalb auch als typisches "Bestellsystem" bezeichnet werden. Die Konzentration auf die effizient gestaltete Abwicklungsphase sind ein Hinweis auf die Evolution von "CitiusNet" aus einem EDI-System. Auch unter diesem Aspekt muss "CitiusNet" als Grenzfall eines elektronischen Markt angesehen werden.
Im "EBS"-System schliesslich können keine Schwerpunkte bezüglich der Marktphasen festgestellt werden. Vielmehr sind alle drei Phasen in einem System umfassend implementiert und für
| Marktphasen-Unterstützung | "CALM" | "CitiusNet" | "EBS" |
| Informationsphase | |||
| Suchdienst | nicht vorhanden | keine Angaben | keine Angaben |
| Informationsdienst | elektronischer Katalog, standardisierte Produktbeschreibung | Produktbeschreibung, Texte, Skizzen, Bilder | Daten des SMF, bzw. der Telekurs AG: Stammdaten der Wertpapiere, aktuelle Kurse, Höcht-, Tiefkurse etc. |
| "Meta"-Informationsdienst | "CALM Market Intelligence System": gut ausgebautes, eigenes Online-System (Statistiken, Berichte, Kommentare, etc.) | Verkäufer-Daten ("large supplier database") | Statistiken, historische Daten, Register der Mitglieder, Daten ausländischer Börsen, Indices, Marktkommentare, Wirtschaftsnachrichten etc. |
| Vereinbarungsphase | |||
| Preismechanismus | Auktionsmechanismus (Umsetzung des traditionellen Verfahrens) | nicht vorhanden: fixiertes System | automatisches Matching-System |
| Grad der Unterstützung | 2
Möglichkeiten: a) Marktteilnehmer interagiert mit dem System: elektronische Unterstützung; b) elektronischer Agent wird programmiert: Automatisierung |
elektronische Unterstützung | vollständig automatisierte Vereinbarungsphase |
| Abwicklungsphase | |||
| Logistiksysteme | keine Unterstützung (wird als ausserhalb der Systemgrenzen angesehen) | alle Begleitdokumente werden über "Citius" (EDI) abgewickelt | Übertragung der Rechte an Wertpapieren auf neuen Besitzer; keine physischen Transporte |
| Zahlungsverkehr | keine Unterstützung; Integration von EFT geplant | eigenes Modul "Fortius", vollständig integriertes EFT | Nutzung vorhandener Infrastrukturen (SIC); automatisiert und in das Börsensystem integriert |
| Weitere Abwicklungsdienste | keine Unterstützung | keine Angaben | automatisches Reporting |
Tab. 6.11: Vergleich der Marktphasen-Unterstützung.
den Benutzer (Händler) transparent zu einem Gesamtsystem integriert. Als solches entspricht die "EBS" im Vergleich zu den anderen Fallstudien am weitesten der Definition elektronischer Märkte dieser Arbeit.
Auswirkungen
Die Tabelle 6.12 (Seite 112) bietet eine Zusammenfassung der Auswirkungen der drei Marktsysteme aus den Fallstudien.
Die Bedeutung elektronischer Märkte wird in allen drei Fallstudien vor allem bei einer Betrachtung der Aspekte "strategische Auswirkungen" sowie "Globalisierung" offensichtlich. Alle drei Systeme sind eine Reaktion auf ein verändertes internationales Marktumfeld mit intensiviertem Wettbewerb. Die strategischen Auswirkungen ebetrafiner verstärkten internationalen Wettbewerbskraft sind dabei gleichzeitig auch Ziele bei der Realisation der drei Systeme gewesen. Vor allem dem "CitiusNet"- und "EBS"-System gemeinsam ist, dass sie den strategischen Grundstein für eine geplante Ausdehnung des elektronischen Marktes über die Landesgrenzen hinweg legen sollen. In "CitiusNet" geschieht dies durch eine geplante, weltweite Anbindung von Partnern, bei der "EBS" mit der geplanten Integration von ausländischen Börsensystemen.
Ebenfalls bedeutende Auswirkungen hatten die elektronischen Systeme bezüglich der notwendigen Umgestaltung des organisatorischen Umfelds. Für alle drei Systeme ergaben sich schlankere und damit effizientere Strukturen.
| Aspekte | Auswirkungen im "CALM"-System | Auswirkungen in "CitiusNet" | Auswirkungen im "EBS"-System |
| Unternehmensebene | |||
| Disintermediation - Re-Intermediation | Disintermediation:
Wegfall von Agenten, Dealern, "saleyard
operators", teilweise Transporteure. Re-Intermediation: Ehemalige Agenten werden zu "assessors" |
keine Disintermediation | Disintermediation:
Wegfall des Rings sowie der Teilnehmer (Broker,
Ringhändler etc.) Re-Intermediation: "EBS" anstelle des Rings; neue Rollen der Teilnehmer |
| Organisatorische Auswirkungen | Ablauforganisation:
Neu gestaltete Abläufe (keine Reisen u.
Transporte zu Auktionen mehr) Aufbauorganisation: keine Angaben |
Ablauforganisation:
Integration von "CitiusNet" in
Geschäftsabläufe notwendig (verschiedene
Integrationsgrade möglich) Aufbauorganisation: |
Ablauforganisation:
Neugestaltung der Geschäftsabläufe
innerhalb der Banken war erforderlich Aufbauorganisation: Neuorganisation und Neustrukturierung des CH-Börsenwesens (Auflösung Börsen, Gründung der SWX, etc.) |
| Strategische Auswirkungen | Flexibleres,
schnelleres Reagieren auf den (australischen und
globalen) Märkten Produktedifferenzierung: Bessere Fleischqualität; grosse Bedeutung von "CALM" als Marketing-Instrument für den intern. Export Kostensenkungen: weniger Transporte; stabilere, "bessere" Marktpreise |
Produktedifferenzierungerhöhte,
überregionale Verfügbarkeit Kostensenkungen: : "Kostenreduktion 20-80%"; hohe "Economies of Scale" durch Ausweitung des Marktgebiets; Effizienzgewinne durch Reduktion des Einkaufszyklus etc. |
Erhaltung der
internat. Konkurrenzfähigkeit; Voraussetzungen für
globale elektronische Börse schaffen Produktedifferenzierung: -- Kostensenkungen: sehr gross |
| Gesamtwirtschaftliche Ebene | |||
| Globalisierung | Erhalten der führenden Position auf den Weltmärkten; Zusammenschluss aller "Livestock"-Auktionen Australiens | "CitiusNet" ermöglicht "Global Sourcing" | "EBS" ermöglicht weltweite strategische Allianzen und Realisierung internationale Börsensysteme (CBOE, DTB) |
| Effizienz und Produktivität | Bessere
landesweite Allokation der Güter (Fleisch); keine
unnötigen Transporte mehr; Transparenterer Gesamtmarkt |
keine Angaben | stark gestiegene Transparenz und höhere Liquidität (da nur noch 1 CH-Börse); höhere Effizienz (Wegfall "Bid-Ask-Spread und weiterer Transaktionskosten) |
weiter (Schlussteile)